0
WWW.SECARTS.ORG unofficial world wide web avantgarde
DEauswählen was geht
× nix los...
Ändere die Suchkriterien oder melde Dich an, um alle Termine anzuzeigen.
Diesen Artikel auf Google+™ posten teilen
Artikel:   versendendruckenkommentieren (3)

Als Beobachter der Radsportszene fragt man sich schon etwas verwundert, mit was sich Journalisten in Sportredaktionen und Talksendungen eigentlich beschäftigen. Was Bert Dietz am 21. Mai 2007 als Gast in der Talksendung »Beckmann« berichtete, ist eigentlich ein alter Hut. Der Vorwurf, im Team Telekom würde gedopt, wurde bereits in den 1990er Jahren vom ehemaligen DDR-Radsportler Uwe Ampler erhoben. Der Sohn des Friedensfahrt-Siegers von 1963 fuhr von 1992 bis 1993 für das Team Telekom. Ampler wurde 1986 Straßenrad-Weltmeister der Amateure, 1988 Olympia-Sieger im Straßenvierer (gemeinsam mit Maik Landsmann, Jan Schur und Mario Kummer) und gewann viermal die legendäre Friedensfahrt, um nur einige Erfolge zu nennen.

Nachdem Amplers Vertrag 1993 vom Team Telekom nicht verlängert wurde, folgte ein Prozess vor dem Arbeitsgericht Bonn. Ampler erhob u.a. den Vorwurf, ohne sein Wissen gedopt worden zu sein. Ampler verlor den Prozess in der dritten Instanz (siehe beispielsweise: FAZ vom 23. Mai 2007), wiederholte den Vorwurf des Dopings jedoch gegenüber einem dänischen Journalisten im Jahr 1996 erneut. Uwe Ampler galt nicht nur beim Team Telekom als Nestbeschmutzer; auch die Journalisten richteten Aufmerksamkeit und Kameras lieber auf Rudolf Scharping, der einzelne Etappen der Tour de France im Mannschaftswagen des Team Telekoms verfolgte - oder finanzierten, wie die ARD, das Team Telekom als Sponsor. Nachdem Uwe Ampler juristisch eine Niederlage gegen das Team Telekom einstecken musste, suchte er auf sportlichem Gebiet die Auseinandersetzung. 1998 startete Ampler im Trikot des polnischen Mroz-Team ein erstaunliches Comeback und gewann zum Entsetzen des Team Telekoms die 51. Auflage der Friedensfahrt gegen den im Magenta-Trikot startenden Steffen Wesemann. Uwe Ampler ist somit der einzige Fahrer, dem es gelang, zur DDR-Zeiten und nach 1989 die Friedensfahrt zu gewinnen.

Für die gegenwärtige Diskussion sollte folgendes beachtet werden: Statt weiter dem Ideal des fairen, ehrlichen und sauberen Sports hinterherzufahren bzw. hinerherzulaufen, sollte konsequenter Weise der Kern der aktuellen »Enhüllungen« thematisiert werden: Freigabe des Dopings - oder nicht? In jedem Fall unverantwortlich ist es, von Sportlern Doping-Prakktiken zu verlangen, die Sportler aber dann fallen zu lassen, wenn Testergebnisse positiv sind. Im professionellen Leistungssport ist Doping die Regel, nicht die Ausnahme.

 
Creative Commons CC BY-NC-ND 4.0
Inhalt (Text, keine Bilder und Medien) als Creative Commons lizensiert (Namensnennung [Link] - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen), Verbreitung erwünscht. Weitere Infos.
 


 
   Kommentar zum Artikel von Stephan :
Donnerstag, 31.05.2007 - 14:38

die "sollen sie doch dopen, sind doch selber schuld" -Haltung klingt auf den ersten Moment plausibel und einfach. Einfach Doping freigeben und Ruhe ist.

Wie alle einfachen Lösungen ist diese natürlich falsch! Sie übersieht zweierlei: Erstens die massven Gesundheitsschäden, die einem ohnehin schon gequältem Körper durch wahllosen Medikamenteneinsatz zugefügt wird (Tom Simpson und Birgit Dressel als bekannteste Todesopfer), zum anderen die Mär der freien Entscheidung, die in unserem freiheitlich-demokratischen System dann doch öfters strapaziert wird. Die Entscheidung des Sportlers zur kurzfristigen Leistungssteigerung aus der Pharmazie ist selten eine wirklich frei getroffene.

Der Gesetzgeber verlangt von Autofahrern, daß sie sich anschnallen, von Radfahrern, daß sie Lampen und Reflektoren am Radl anbringen, von Arbeit"gebern", ihre Arbeiter ggf. mit Sicherheitsschuhen und Helmen auszustatten und von Löwenbändigern, einen Hut zu tragen. Bis auf die Radfahrer sogar strafbewehrt. Und einzig, zum Schutz des Dummen vor sich selbst.

Eine Freigabe des Doping schafft zig Krüppel und Tote - auch im Freizeitsport! Wer das in Kauf nehmen möchte, soll auch die Augen vor den Folgen nicht verschließen.

Die Alternative?
Umfassende Kontrollen der Sportler (wer sich zu Olympia o.ä. anmeldet, muß sich kontrollieren lassen (Blut und Urin) - von mir aus mit einer Aufwandsentschädigung) sowie der Versuch, die Funktionäre hinter den Sportlern zu belangen. Auch eine Pharmafirma, die für kranke Patienten leistungssteigernde Mittel entwickelt, kann ohne Probleme markierende Substanzen beifügen, (Zungenblaufärbung nach Zaubertrank; Asterix bei den Olympischen Spielen) oder anderweitig empfindlich bestraft werden.


  Kommentar zum Artikel von Alex :
Donnerstag, 31.05.2007 - 14:55

Es ist traurig, dass es im professionellen Sport offenbar kaum noch ohne diese Betrügereien zugehen kann. Soll Sport einen nicht fit machen, statt zum Krüppel?


   Kommentar zum Artikel von secarts :
Donnerstag, 31.05.2007 - 15:18

Ich sei kein großer Kenner, was den Sport angeht... sagen zumindest gewisse Spottmäuler. Dennoch erlaube ich mir, das Ganze mal so zu betrachten:

Stephan, du schreibst, der Arbeit"geber" sei verpflichtet, seinen "Nehmern" Schutzkleidung auszuhändigen. Dem ist - auf dem Papier- tatsächlich so (wie auch das Doping - auf dem Papier - verboten ist). Nur: wird dies in aller Regel eingehalten? Bzw.: werden, auch unter (minimalen) Profiteinbußen, Arbeitsunfälle drastisch vermindert? Vor einer Woche wurden bei einem Gewitter drei Bauarbeiter von einem Blitz erschlagen. Sie hatten, trotz dramatischer Unwetterwarnung, einfach weitergearbeitet. Und: es wird nicht einmal einen peitscheschwingenden Aufseher gebraucht haben, der sie dazu trieb. Angst vor Arbeitslosigkeit genügt in aller Regel als Anreiz, die eigene Sicherheit hintanzustellen.

Spitzensportler werden für gewöhnlich, vor allem Dank nervtötender Medien- und Werbepräsenz, als schwerreiche Selbstdarsteller, die überhaupt nur noch zur Befriedigung ihres Geltungsdranges auf dem Spielfeld/der Tartanbahn rumhängen, wahrgenommen. Lohnabhängige sind sie jedoch - in den allermeisten Fällen - immer noch. Den Sprung in die Liga der Schumachers, die wohl i. d. T. für den Rest ihres Lebens ausgesorgt haben, schaffen nur sehr wenige. Alle anderen sind also mehr oder weniger auf ihren Job angewiesen. Denn auch im Sport - es ist traurig und kaum zu glauben! - geht es doch immer nur um's Geld... (ich schenke mir jetzt die Analyse, warum angestellte Fußballer, Radfahrer und Konsorten Mehrwert produzieren - das lässt sich bei Interesse bei Charly nachlesen).

Was ich mit all dem sagen will? Ganz einfach: es ist genauso illusorisch, auf den Untergang des ordinären Profitstrebens zugunsten eines "Sicherheit-zuerst"-Prinzpis in allen anderen Bereichen der gewöhnlichen Wirtschaft zu hoffen, wie auf ein Ende des Dopings im Berufssport zu setzen. Sicher, schön ist beides nicht. but: it's capitalism, stupid.

Solange wir uns also in kapitalistischen Gefilden bewegen und nicht ernsthaft über eine systemüberwindende Kraft verfügen, müssen wir eben versuchen, das Beste aus der Scheiße rauszukriegen. D. h.: Einsehen, dass Ausbeutung prinzipiell mit Gefährdung des Menschen einhergeht, weil Jagd nach Maximalprofit mit Humanität nicht versöhnbar ist. Und verbessern, was im Rahmen der Gegebenheiten zu verbessern ist: Nicht die Sportler feuern und verfehmen, die das tun, was alle tun: mitmachen, um ihren Job zu behalten. Sondern stattdessen ärztliche Aufsicht nutzen, um es so wenig schädigend wie möglich zu machen. Das ist Minimalkonsens, nicht nett, nicht besonders idealistisch, und bestimmt sehr kränkend für all Jene, die auf die große Suggestion des Bewußtseinsverblöders Sportindustrie reingefallen sind. Aber es ist machbar und allemal besser als die heutige Praxis: Sportler zu dem zwingen, was zum mithalten unter all den anderen Gedopten unbedingt nötig ist, und sie der Meute Publikum mit verlogen Phrasen über die "Sauberkeit des Sports" zum Fraß vorwerfen, wenn sie bei dieser ganz alltäglichen Praxis ertappt werden.