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Der Vortrag gab Anlass zu mehrfacher Freude: zum einen wegen der sehr berechtigten Frage nach den politischen Folgen der jetzigen Krise und der rückhaltlosen Anprangerung der bereits weit fortgeschrittenen Demontage der bürgerlich-demokratischen Verhältnisse, sodann ob der klaren Aussage über den Kapitalismus als dem Mutterboden des Faschismus, vor allem aber wegen der Persönlichkeit, die diesen Vortrag hielt: es hat schon einen extremen Seltenheitswert, derartiges von Leuten seiner, der Schauspieler-Zunft, zu hören und zu lesen. Allerdings vermag ich als Historiker nicht allen Aspekten der Sicht auf den Faschismus, die Rolf Becker vortrug, zuzustimmen.

Bündnispolitik gegen den Faschismus
Gedanken zum Vortrag von Rolf Becker auf der Ossietzky-Konferenz (3. Oktober 2008)

So, wenn er meint, die Brechtsche Kennzeichnung des Faschismus als die richtigere der bekannten Aussage von Dimitroff entgegenstellen zu können oder zu müssen: „Anders als Georgi Dimitroff, der im gleichen Jahr 1935 erklärte, der Faschismus sei ‚die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals‘, definierte Brecht den Faschismus als ‚eine historische Phase, in die der Kapitalismus eingetreten ist‘, und er könne ‚nur bekämpft werden als Kapitalismus, als nacktester, frechster, erdrückendster und betrügerischster Kapitalismus.‘ ... Dass Brecht damit die Begründung der Volksfrontpolitik in Frage stellte, die auf Widersprüche im bürgerlichen Lager setzte, bedarf der Erörterung an anderer Stelle. Wie Marx und Engels im Kommunistischen Manifest hebt er ‚die Eigentumsfrage, welche mehr oder minder entwickelte Form sie auch angenommen haben möge, als die Grundfrage der Bewegung hervor.‘
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Rolf Becker unterstützt die Freilassung Mumia Abu-Jamals und hielt im Mai 2001 die Laudatio bei der Verleihung des Erich-Mühsam-Preises an den zum Tode verurteilten Kämpfer und Journalisten. Im September 2009 besuchte er Mumia Abu-Jamal in der Todeszelle.
Rolf Becker sieht den Unterschied in der Kennzeichnung des Faschismus bei Dimitroff und Brecht darin, dass Dimitroff den Faschismus als die Diktatur nur eines Teiles der Kapitalisten- Klasse definiert, Brecht dagegen im Faschismus die Herrschaftsform des Kapitalismus in einer neuen historischen Phase, in die er nunmehr eingetreten ist, sieht.
Brecht zieht daraus die Schlussfolgerung, dass der Faschismus „nur als Kapitalismus bekämpft werden kann“, also mit dem Ziel der Beseitigung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse, d. h. des Sturzes des Kapitalismus.
Dimitroff dagegen stellt fest, dass für den Sturz des Faschismus die Kräfte, die den Kapitalismus überwinden wollen, also im Wesentlichen die Kommunisten und die linken Sozialdemokraten, alleine nicht ausreichen, sondern dass dies nur gelingen kann, wenn sich alle Gegner des Faschismus zusammenfinden und gemeinsam den Kampf gegen den gemeinsamen Feind Faschismus aufnehmen.
Das Vorbild dafür war die 1934 in Frankreich gebildete Volksfront, die den faschistischen Feuerkreuzlern eine vernichtende Niederlage beibrachte. Rolf Becker verweist darauf, „dass Brecht ... die Begründung der Volksfrontpolitik in Frage stellte“; er lässt dabei keinen Zweifel darüber aufkommen, dass er die Position von Brecht für richtig, jene von Dimitroff für falsch hält. Das allerdings hat meine Freude über seinen Vortrag erheblich gemindert, denn ich musste mich fragen, ob Rolf Becker sich nicht sagen musste, dass, wer die Volksfrontpolitik ablehnt, erst recht die Anti-Hitlerkoalition der Sowjetunion mit den imperialistischen Großmächten USA und Great Britain ablehnen muss – wie das ja der von ihm geschätzte August Thalheimer in der Tat auch getan hat.
Wie teuer aber hätten das die vom Faschismus unterdrückten Völker und die ganze Menschheit bezahlen müssen?!

Mir - als einem, der die endzwanziger und die dreißiger Jahre und die Auseinandersetzungen in der KPD und in ihrem Jugendverband um die richtige Linie im Kampf gegen den Faschismus als Jungkommunist miterlebt hat, - ist durch eine Formulierung gegen Ende des Vortrags von Rolf Becker aufgegangen, wo die Erklärung für seine - für mich zunächst unbegreifliche – Ablehnung der Position Dimitroffs zu suchen ist. Dort findet sich ein Satz, der so beginnt: „Auch wenn das Kapital – anders als 1933 – nicht vor einem „Entscheidungskampf mit seinem Proletariat“ steht ...

Der Faschismus als Vorbeugung gegen die proletarische Revolution?

Rolf Becker meint also, 1933 habe der deutschen Bourgeoisie der Sturz durch die proletarische Revolution gedroht, und deshalb habe sie vorbeugend die faschistische Diktatur errichtet.
Er könnte sich dabei sogar auf Einschätzungen der KPD-Führung aus den Jahren 1930-1935 und auch auf das Referat von Georgi Dimitroff auf dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale (KI) stützen.

Je weiter sich die Krise verschärfte, je größere Massen der Werktätigen nach einem antikapitalistischen Ausweg aus der Krise suchten, desto mehr war die Führung der KPD und der Kommunistischen Internationale davon überzeugt, dass der Augenblick heranreifte, der es der KPD ermöglichen würde, diese Massen zum Sturmangriff auf den Kapitalismus zu führen. Daher hielt sie daran fest, dass das nächste Ziel ihres Kampfes Sowjetdeutschland, also die Erringung der Macht durch die Arbeiterklasse unter Führung der KPD, sein müsse.
Davon, dass die herrschende Klasse den Faschismus aus Furcht vor der Revolution an die Macht bringt, sprach auch Dimitroff in seinem Referat, als er ausführte: „Die imperialistischen Kreise ... suchen dem Anwachsen der Kräfte der Revolution durch Zerschlagung der revolutionären Bewegung der Arbeiter und Bauern und durch den militärischen Überfall auf die Sowjetunion, das Bollwerk des Weltproletariats, zuvorzukommen. Dazu brauchen sie den Faschismus.

Auch ich war damals fest davon überzeugt, dass Deutschland vor der Entscheidung: Sowjetdeutschland oder Faschismus stand, und dass der Faschismus die letzte Waffe der Bourgeoisie gegen die proletarische Revolution sei. Und wie die KPD und ihre Jugendorganisationen – ich war damals Mitglied des Sozialistischen Schülerbundes (SSB), der kommunistischen Schülerorganisation, (nicht zu verwechseln mit der sozialdemokratischen Schülerorganisation SSG, der Sozialistischen Schülergemeinschaft), – war ich voller Zuversicht, dass dieser Kampf mit der Errichtung Sowjetdeutschlands enden würde. Ich teilte also die Überschätzung der eigenen kommunistischen Kräfte, die damals in der Kommunistischen Internationale und ihren Parteien, besonders auch in der KPD, vorherrschte und zu sektiererischen Fehleinschätzungen, wie zur „Sozialfaschismus-These“ in Bezug auf die Führung der Sozialdemokratie, führte. Die Fehleinschätzung des Klassenkräfteverhältnisses und ihre sektiererischen Folgen überdauerten den Machtantritt des deutschen Faschismus und konnten in den Jahren 1933 bis 1935 nur durch einen hartnäckigen Kampf innerhalb der KI und der KPD zurückgedrängt und schließlich auf dem VII. Weltkongress der KI und der Brüsseler Konferenz der KPD, beide 1935, überwunden werden.
Rolf Becker aber wiederholt mit seiner Formulierung, 1933 habe das Kapital in Deutschland „vor einem Entscheidungskampf mit seinem Proletariat“ gestanden, die falsche Einschätzung des realen Kräfteverhältnisses 1932 durch die KPD.

Eine nüchterne Betrachtung der Wahlergebnisse von 1930 und 1932 macht indessen deutlich, dass das Kapital keinen Grund hatte, eine siegreiche proletarische Revolution zu fürchten, weil dafür die Voraussetzungen nicht gegeben waren.

ReichstagswahlSept. 1930Nov. 1932
Für den Faschismus
(NSDAP und DNVP)
8,8 Mill.14,7 Mill.
Gegen den Faschismus
(KPD,SPD, Zentrum, Dt.Dem.P.)
19,5 Mill.18,8 Mill.
Für Sowjetdeutschland
(KPD)
4,5 Mill.5,9 Mill.
Gegen Sowjetdeutschland
(Alle außer KPD)
rd. 30 Mill.rd. 30 Mill.


Nein, angesichts dieser Schwäche der revolutionären Kräfte und der Stärke der faschistischen Reserven der Monopolbourgeoisie zum Einsatz gegen sie konnte sie sich sogar einen Aufstandsversuch nur wünschen, würde er doch Gelegenheit geben zu einem vernichtenden Gegenschlag.
Was das Monopolkapital wirklich fürchtete, war etwas ganz anderes.
Bei den November-Reichstagswahlen 1932 hatte die NSDAP gegenüber den letzten Reichstagswahlen zuvor – am 31. Juli 1932 – nicht mehr zugenommen, sondern 2 Millionen Stimmen weniger erhalten und war von 13,7 Millionen auf 11,7 Millionen Stimmen, und von 230 Abgeordneten auf 196 zurückgefallen.
Es bestand also die Gefahr, dass, wenn es zu einer nochmaligen Reichstagsauflösung und zu nochmaligen Neuwahlen kommen würde, diese Tendenz sich fortsetzen könnte. Damit würde aber der strategische Plan der entscheidenden Kreise der Monopolbourgeoisie, das lange vergeblich angestrebte Ziel der Beseitigung der parlamentarischen Demokratie und ihre Ersetzung durch ein vom Parlament unabhängiges Regime auf legale Weise mit einer parlamentarischen Mehrheit dank der Stimmen der NSDAP zu erreichen, hinfällig werden.

Deutsche Monopolbourgeoisie und Faschismus

Die deutsche Monopolbourgeoisie hat seit der Novemberrevolution und der Unterzeichnung des Versailler Vertrages als Fernziel die Revanche für die Niederlage im Kriege an den „Feindmächten“ und für die Revolution an der Weimarer Republik nie aus den Augen verloren. Der erste Versuch wurde schon 1920 mit dem Kapp-Putsch unternommen. Sein Scheitern durch den massenhaften bewaffneten Widerstand der Arbeiterschaft hat die Mehrheit der Entscheidungsträger der herrschenden Klasse zu dem Schluss gebracht, das erstrebte Ziel dürfe nicht mehr auf dem Wege eines gewaltsamen Putsches, sondern müsse auf legalem, parlamentarischen Wege zu erreichen gesucht werden. Dafür brauchte man aber eine Mehrheit im Parlament, und die versprach die Hitlerpartei zu beschaffen. Als nun im November 1932 die NSDAP statt weiterer Gewinne einen solch heftigen Stimmenverlust einfuhr, gerieten ihre monopolistischen Hintermänner in Panik.
Einer von ihnen war der Bankier Kurt Freiherr von Schröder. Bei seiner Vernehmung im Nürnberger IG-Farben Prozess gab er am 21. Juli 1947 für seine und seiner Komplizen Motive für die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler folgende Erklärung ab:
Als die Lage in Deutschland sich unter Schleicher als Kanzler in den letzten Monaten des Jahres 1932 weiter verschlechterte, sahen Hitler und Papen ein, dass es vielleicht am günstigsten wäre, wenn sie zu einer Zusammenarbeit kommen könnten. Als ich Papen im Dezember sah, sagte er mir: ‚Ich glaube, dass es jetzt vielleicht möglich wäre, eine Zusammenkunft herbeizuführen, um die strittigen Punkte aufzuklären. Wir müssen eine Möglichkeit zur Zusammenarbeit der Rechtsparteien finden‘
Dies ist die Vorgeschichte der Zusammenkunft Hitlers und Papens in meinem Hause. Am 4. Januar 1933 trafen Hitler, von Papen, Heß, Himmler und Keppler in meinem Hause in Köln ein. ...
Die allgemeinen Bestrebungen der Männer der Wirtschaft gingen dahin, einen starken Führer in Deutschland an die Macht kommen zu sehen, der eine Regierung bilden würde, die lange Zeit an der Macht bleiben würde. Als die NSDAP am 6. November 1932 ihren ersten Rückschlag erlitt, und somit also ihren Höhepunkt überschritten hatte, wurde eine Unterstützung durch die deutsche Wirtschaft besonders dringend.
Ein gemeinsames Interesse der Wirtschaft bestand in der Angst vor dem Bolschewismus und der Hoffnung, dass die Nationalsozialisten – einmal an der Macht – eine beständige politische und wirtschaftliche Grundlage in Deutschland herstellen würden.
Ein weiteres gemeinsames Interesse war der Wunsch, Hitlers wirtschaftliches Programm in die Tat umzusetzen, wobei ein wesentlicher Punkt darin lag, dass die Wirtschaft sich selbst lenken sollte zur Lösung der von der politischen Führung gestellten Probleme. ... Weiterhin erwartete man, dass eine wirtschaftliche Konjunktur durch Vergeben von größeren Staatsaufträgen werden würde.
In diesem Zusammenhang sind zu erwähnen: eine von Hitler projektierte Erhöhung der deutschen Wehrmacht von 100.000 auf 300.000 Mann, das Bauen von Reichsautobahnen, ... Aufträge zur Verbesserung des Verkehrswesens, insbesondere der Reichsbahn, und Förderung solcher Industrien wie Automobil- und Flugzeugbau und der damit verbundenen Industrien. Es war allgemein bekannt, dass einer der wichtigsten Programmpunkte Hitlers die Abschaffung des Vertrages von Versailles darstellte und die Wiederherstellung eines sowohl in militärischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht starken Deutschlands ...
Das wirtschaftliche Programm Hitlers war der Wirtschaft allgemein bekannt und wurde von ihr begrüßt.
“ (Zitiert nach: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 4, Berlin 1966, S.604-607)
Mit aller Klarheit hat Schröder ausgesprochen, dass sie befürchteten, bei einem Zerfall der NSDAP würde die Verwirklichung des „Programms Hitlers“, – das nichts anderes als ihr eigenes Revancheprogramm nach innen und außen war, – eine Verwirklichung, die sie schon zum Greifen nahe sahen, – für lange Zeit, wenn nicht für immer, unmöglich werden. In diesem Falle drohte ein Rückfall in die verhasste parlamentarische Republik und die Wiederkehr des unter der Präsidialdiktatur der Kanzler Brüning und Papen bereits überwundenen Zwanges zu Tarifverhandlungen mit den Gewerkschaften anstelle des bereits erreichten vom Staat sanktionierten unternehmerischen Lohndiktats.

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Blick in den Säulensaal des „Hauses der Gewerkschaften“ in Moskau während der Eröffnung des VII. Weltkongresses. Am Rednerpult: Wilhelm Pieck
Dies – und nicht eine Revolution – war es, was die Monopolbourgeoisie fürchtete und auf jeden Fall nicht zuzulassen entschlossen war. Schröders Floskel von der „Furcht vor dem Bolschewismus“ war lediglich berechnet auf Sympathie für eine antikommunistische, antisowjetische Grundhaltung bei ihren us-amerikanischen Anklägern. Von einer Furcht vor einer „bolschewistischen Machtergreifung“ in Deutschland brauchte und konnte, wie gezeigt, bei der deutschen herrschenden Klasse 1932/33 nicht die Rede sein, wohl aber von der Besorgnis, die von Hitler schon in seinem Buch „Mein Kampf“ vorgezeichnete Eroberung von „Lebensraum im Osten“, in Polen und vor allem in der Sowjetunion, müsste ebenfalls abgeschrieben werden.
Nicht die Furcht vor der Revolution, sondern der Heißhunger nach Revanchekrieg, nach dem zweiten Griff nach der Weltmacht, nach dem Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, ließ die deutsche Monopolbourgeoisie 1933 zur Errichtung der faschistischen Diktatur greifen.
Diesen Faktor – das sei hier eingeschaltet –, hat aber Dimitroff in seinem Referat nicht übersehen, sagte er doch, (wie oben, S.3 zitiert), dass die imperialistische Bourgeoisie den Faschismus auch zur Vorbereitung des militärischen Überfalles auf die Sowjetunion braucht.

Voraussetzung dafür war aber, dass alle Interessenkämpfe der verschiedenen Gruppen der Monopolbourgeoisie schnellstens zurückgestellt wurden und eine rasche Einigung zur Übertragung der Macht an die Hitlerpartei herbeigeführt wurde. Das geschah bei dem Treffen bei Schröder am 4. Januar sowie einigen weiteren Treffen vor dem 30. Januar 1933.
Soviel zur Richtigstellung der noch immer weit verbreiteten Ansicht, die Becker in die Worte gefasst hat, in Deutschland habe das Kapital 1933 vor dem Entscheidungskampf mit seinem Proletariat gestanden, und habe deshalb vorbeugend die faschistische Diktatur errichtet.
Richtig ist und bleibt natürlich, dass eine Wurzel des Faschismus als einer neuen Herrschaftsform des Kapitals im 20. Jahrhundert dessen Streben war, den mit dem Sieg der Oktoberrevolution entstandenen ersten sozialistischen Staat schnellstens wieder aus der Welt zu schaffen und alle kommunistischen Organisationen zu unterdrücken und zu vernichten.

Der Imperialismus als Wurzel des Faschismus

Aber das ist nur die eine Wurzel. Die andere liegt im Übergang vom Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Monopolkapitalismus, zum Imperialismus.
In seiner Analyse des Imperialismus kam Lenin zu dem Ergebnis, dass „zu den Besonderheiten des Imperialismus die Reaktion auf der ganzen Linie“ gehört. „Der Imperialismus“, so schrieb er ferner in seinem Werk „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, „ist die Epoche des Finanzkapitals und der Monopole, die überallhin den Drang nach Herrschaft und nicht nach Freiheit tragen.“
Das Streben des Imperialismus nach Reaktion und Gewalt hat also eine zweifache Wurzel – sie liegt zum einen in seiner Natur, in seinem offensiven Drang nach Ausdehnung seiner uneingeschränkten Herrschaft, sie wird zum anderen potenziert infolge der Bedrohung seiner Herrschaft durch die revolutionäre Arbeiterbewegung.

Diese zweifache Wurzel des Gewaltstrebens des Finanzkapitals beschrieb bereits Rudolf Hilferding zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als er noch Marxist war, in seinem 1910 erschienenen Werk „Das Finanzkapital“, das von Lenin als eine „höchst wertvolle theoretische Studie“ eingeschätzt wurde.
Hilferding schrieb in dieser Arbeit: „Das Finanzkapital will nicht Freiheit, sondern Herrschaft. ... Um seine Übermacht zu erhalten und zu vergrößern, braucht es den Staat ... Es braucht einen politisch mächtigen Staat, der ... nicht auf die entgegengesetzten Interessen anderer Staaten Rücksicht zu nehmen braucht, ... einen Staat, der überall in der Welt eingreifen kann, um die ganze Welt in Anlagesphären für sein Finanzkapital verwandeln zu können. Das Finanzkapital braucht endlich einen Staat, der stark genug ist, um Expansionspolitik treiben und neue Kolonien sich einverleiben zu können. ... so wird die Machtpolitik ohne jede Schranke zur Forderung des Finanzkapitalismus. ...
Zugleich stärkt die zunehmende Macht der Arbeiter das Streben des Kapitals, die Staatsmacht als Sicherung gegen die proletarischen Forderungen noch weiter zu verstärken.

(Alle Zitate von Lenin und Hilferding sind mit Quellenangabe zu finden in: Kurt Gossweiler, Aufsätze zum Faschismus, 2 Bde. Pahl-Rugenstein, Köln 1988, Bd. II, S. 580/81, Artikel „Ursprünge und Spielarten des Faschismus.)
Das alles bedeutet, dass die herrschende Klasse faschistischer Staaten nicht überall aus den gleichen Gründen, nicht überall zur Abwehr einer drohenden proletarischen Revolution, zur Errichtung der faschistischen Diktatur gegriffen haben muss.
Für die in den Jahren der revolutionären Nachkriegskrise nach dem ersten Weltkrieg entstandenen faschistischen Regime wie in Ungarn bei der Errichtung der Horthy-Diktatur und in Italien bei der Errichtung der Mussolini-Diktatur – trifft das zwar zu.
Aber 1933 befand sich die Welt des Imperialismus nicht mehr in einer Nachkriegs-, sondern schon wieder in einer Vorkriegsperiode, und da ging es der imperialistischen deutschen Bourgeoisie um die Schaffung der inneren und äußeren Bedingungen für einen erfolgreichen zweiten Krieg um Weltmacht.

Wer herrscht im Faschismus?

Noch eine zweite Aussage Rolf Beckers in seinem Vortrag hat bei mir den Widerspruch des Historikers hervorgerufen, die Aussage nämlich: „Um ihre wirtschaftliche Macht zu erhalten, mussten die deutschen Unternehmer ihre politische Macht den Faschisten anvertrauen.
Angeregt zu dieser Sicht wurde Rolf Becker, wie er selbst erwähnt, u. a. von August Thalheimer. „Dazu August Thalheimer, der diesen Gedankengang seiner Faschismusanalyse zugrunde legt, zu Beginn der damaligen Weltwirtschaftskrise, 1929 ...‚Die soziale Herrschaft der Bourgeoisie ist in Widerspruch geraten mit ihrer politischen Herrschaft. Sie bereitet ihre politische Abdankung vor, um ihre Klassenherrschaft zu retten und zu festigen,
Rolf Becker folgt also Thalheimer, der sich wiederum in seiner Faschismustheorie stützt auf die Marx‘sche Kennzeichnung des Bonapartismus – der Herrschaft des Louis Bonaparte im Frankreich der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – in seiner Arbeit „Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte“.
Thalheimer meinte, im Faschismus eine zum Bonapartismus analoge Herrschaftsstruktur feststellen zu können. In seiner Schrift „Über den Faschismus“ ist für ihn der gemeinsame Nenner für den Bonapartismus und den Faschismus zum einen, dass beide eine offene Diktatur des Kapitals sind, aber in einer für beide gemeinsamen außergewöhnlichen Form:
Ihre Erscheinungsform ist die Verselbständigung der Exekutivgewalt, die Vernichtung der politischen Herrschaft der Bourgeoisie und die politische Unterwerfung aller übrigen Gesellschaftsklassen unter die Exekutive. Ihr sozialer oder klassenmäßiger Inhalt aber ist die Herrschaft der Bourgeoisie und der Privateigentümer überhaupt über die Arbeiterklasse und alle anderen kapitalistisch ausgebeuteten Schichten.“ ( Zit. aus: „Faschismus und Kapitalismus. Theorien über die sozialen Ursprünge und die Funktion des Faschismus“, hg. v .Wolfgang Abendroth, Frankfurt/M., 1967, S. 28,31. Unterstreichung v. mir, K.G.)
Das heißt – für Thalheimer – und, ihm folgend, auch für Becker –, war in Hitlerdeutschland die Macht aufgeteilt in die ökonomische Macht, die weiter bei der Bourgeoisie lag, und die politische Macht, welche die Bourgeoisie an die Faschisten – klassenmäßig gesehen also an das Kleinbürgertum –, übergeben hat.

Damit ist – nach Thalheimer und Becker – der Faschismus eine Diktatur, in der die politische Herrschaft bei der „verselbständigten Exekutive“, also beim faschistischen Kleinbürgertum liegt, die Bourgeoisie dagegen nur noch die ökonomische Herrschaft innehat.
Wohlgemerkt – die Bourgeoisie als Ganzes, nicht etwa nur die Monopolbourgeoisie, sondern „die Bourgeoisie“ vom kleinsten Privatunternehmer bis zu Krupp, Thyssen und Abs!

Muss es nicht einleuchten, dass eine solche Kennzeichnung der ökonomisch Herrschenden im Zeitalter des Imperialismus mit der ökonomischen Wirklichkeit nichts zu tun hat, und dass, wer ihr den Vorzug gibt vor der Begrenzung der im Faschismus ökonomisch (und politisch) Herrschenden auf das Monopolkapital, und zwar auf dessen „reaktionärste, aggressivste und imperialistischste Elemente“, damit Zeugnis einer bedauerlichen Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse ablegt?
(An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass diese von Dimitroff in seinem Referat auf dem VII. Weltkongress der K.I. gegebene Kennzeichnung des Faschismus an der Macht gewöhnlich als „die Dimitroff’sche Faschismus-Definition“ bezeichnet wird. Dimitroff hat sie aber übernommen aus den Thesen des XIII. Plenums des EKKI (Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale), das im Dezember 1933 getagt hatte. (s. Die kommunistische Internationale. (Auswahl von Dokumenten und Reden vom VI. Weltkongress bis zur Auflösung der Kommunistischen Internationale, 1929-1943), hgg. von der Parteihochschule Karl Marx beim ZK der SED, Berlin, Januar 1956, S.266).
Die politisch herrschende Klasse bzw. Schicht im „Dritten Reich“ aber war nach Thalheimer und Becker das Kleinbürgertum!

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Der befreite „Held von Leipzig“ 1934 in Moskau mit seiner Mutter und anderen Familienangehörigen.
Das Kleinbürgertum, von dem Lenin 1921 schrieb: „Alle Versuche des Kleinbürgertums im allgemeinen und der Bauern im besondere, sich ihrer Kraft bewusst zu werden, die Wirtschaft und Politik nach ihrem Willen zu lenken, endeten mit einem Fiasko. Entweder unter Führung des Proletariats oder unter Führung der Kapitalisten – ein Mittelding gibt es nicht. ...
Aus diesen grundlegenden ökonomischen Tatsachen ergibt sich denn auch, warum diese Kraft sich nicht von selbst geltend machen kann und warum die Versuche, das zu tun,... stets mit einem Fiasko geendet haben. Sofern es dem Proletariat nicht gelingt, die Revolution zu führen, stellt sich diese Kraft stets unter die Führung der Bourgeoisie.
“ (Lenin, Werke, Bd. 32, S. 285/86)
Zu den Faschismustheorien, die das Kleinbürgertum zum Schöpfer des Faschismus und zur herrschenden Klasse des Faschismus an der Macht erklären, gehört Thalheimers Faschismustheorie zumindest mit dem Teil, der das Kleinbürgertum zum Träger der politischen Macht im Faschismus erklärt.

Der bissige Spott, mit dem der sozialistische Historiker Arthur Rosenberg die Kleinbürgertheorien bedenkt, trifft deshalb für diesen Teil auch Thalheimer. Rosenberg schrieb in seinem Buch „Der Faschismus als Massenbewegung“ (Karlsbad 1934, zit. bei Kurt Gossweiler, Aufsätze zum Faschismus, Bd. II, S. 407): „Die Dilettanten der Soziologie fanden meistens, dass die Kleinbürger jene geheimnisvolle Klasse wären, mit deren Hilfe Hitler und Mussolini ihre Siege erfochten. Der Gemüsehändler Fritz Schulze wuchs empor zu dämonischer Größe. Mit der einen Hand hält er das Proletariat nieder und mit der anderen den Kapitalismus. ... Dass die Kleinbürger, als Klasse, Deutschland, Italien, Polen, Österreich und ein halbes Dutzend anderer Länder erobert haben sollen, und dass die übrige Welt gleichfalls in Gefahr schwebt, ,kleinbürgerlich‘ zu werden, ist etwas wunderlich.
Nein, die Politik der Hitler-Regierung war eben nicht – wie uns das die Kleinbürgertheorien und ein Guido Knopp im Fernsehen immer wieder glauben machen wollen, – die Politik eines Hitler, sondern die Politik des deutschen Imperialismus, genauer – der reaktionärsten, chauvinistischsten und imperialistischsten Kreise des deutschen Finanzkapitals.
Diese Kreise hatten niemals daran gedacht, politisch abzudanken, wie Thalheimers Theorie besagt, sondern sie haben die Regierung an die Faschisten übergeben, weil sie gewiss waren, dass die ihre Ziele zu ihren eigenen gemacht hatten und für deren Erreichung rücksichts- und skrupellos und, vor keinem noch so verbrecherischen Mittel zurückschreckend, Krieg nach innen und außen führen würden.
Darin haben sie sich nicht geirrt, solange sich die deutschen Armeen auf der Siegerstraße befanden.

Die Faschisten und ihre Auftraggeber im Angesicht der Niederlage

Das änderte sich aber gründlich, als die Besetzung ganz Deutschlands durch die Truppen der Verbündeten nur noch eine Sache von Wochen und Tagen war. In dieser Situation war es mit der Interessenübereinstimmung zwischen den Auftraggebern – dem Monopolkapital – und ihrem „Führer“ zu Ende.
Für die Hitler, Göring, Goebbels usw. bot die Zukunft nun nur noch die Aussicht auf ein Ende am Galgen. Weil es für sie kein Überleben gab, sollte es auch für alle anderen keines mehr geben.
Ganz anders sahen die „Herren der Wirtschaft“ ihre Zukunftsperspektive. Sie hatten schon einmal eine Niederlage erlitten – und dennoch waren ihre Unternehmen danach in kurzer Zeit wieder die stärksten Europas geworden. Für sie bedeutete die Niederlage nicht das Ende, sondern lediglich den Ausgangspunkt für einen Neuanfang. Folglich waren sie interessiert daran, dass soviel wie möglich von der Substanz ihrer Unternehmen und von Deutschlands Wirtschaftskraft erhalten blieb.
Dafür zu sorgen wurde jetzt die Hauptaufgabe von Albert Speer.
Im Machtapparat des faschistischen Deutschland war er als Rüstungsminister der Vertrauensmann der „Wirtschaft“. Hatte er bisher dafür zu sorgen gehabt, dass die gesamte Wirtschaft auf das Ziel der Sicherung des Erfolges der zweiten Runde des Krieges um die Weltmacht ausgerichtet war, so sah er jetzt seine Aufgabe darin, die Verwirklichung der ihm wohlbekannten Absichten Hitlers und der anderen Naziführer zu verhindern, im Falle ihres Sturzes ganz Deutschland mit sich in den Abgrund zu reißen und als ein Trümmerfeld zu hinterlassen.
Mit Datum vom 15. März 1945 verfasste Speer eine Denkschrift „Wirtschaftslage März-April 1945 und Folgerungen“, die er am 19. März Hitler übergab.
In dieser Denkschrift erklärte Speer den Krieg für verloren und weitere Zerstörungen als verbrecherisch.
Wörtlich hieß es in der Denkschrift:
Für das von mir verantwortete Teilgebiet der deutschen Produktion und des Verkehrs ist folgendes zu veranlassen:
1. Es muss sichergestellt werden, dass, wenn der Kampf weiter in das Reichsgebiet vorgetragen wird, niemand berechtigt ist, Industrieanlagen, Kohlenbergwerke, Elektrizitätswerke und andere Versorgungsanlagen sowie Verkehrsanlagen, Binnenschifffahrtsstraßen usw. zu zerstören. ...
2. ... Es muss durch einen scharfen Befehl sichergestellt werden, dass sowohl die Wehrmacht als auch die Partei, einschließlich Volkssturm, von sich aus nicht das Recht haben, im eigenen Land willkürlich Brücken zu zerstören. ...
4. ... Wir haben kein Recht dazu, in diesem Stadium des Krieges von uns aus Zerstörungen vorzunehmen, die das Leben des Volkes treffen könnten. ...
Wir haben die Verpflichtung, dem Volk alle Möglichkeiten zu lassen, die ihm in fernerer Zukunft wieder einen neuen Aufbau sichern könnten.

Wo Speer vom „Volk“ spricht, hat er natürlich nicht das Volk gemeint – das war ihm genau so gleichgültig wie jenen, die er vertrat. Gemeint war natürlich; „Wir haben die Verpflichtung, den deutschen Unternehmern alle Möglichkeiten zu lassen, die ihnen in fernerer Zukunft wieder einen neuen Aufstieg möglich machen.
Der Denkschrift war eine Reihe von Anlagen beigefügt, darunter auch Entwürfe für zwei „Führererlasse“, durch die einmal untersagt werden sollte die Zerstörung von Verkehrsanlagen, Brücken, Industrieanlagen, und durch welche zum anderen die Verantwortung für „Lähmungen“ in der Industrie ausschließlich dem Rüstungsminister übertragen werden sollte. Wie erwähnt, übergab Speer Hitler die Denkschrift am 19. März.

Die Auseinandersetzung um den „Nero-Befehl“

Der verabschiedete Speer, – ohne die Denkschrift gelesen zu haben, aber mit Worten, die wohl Hitlers Antwort auf das waren, was Speer ihm im Gespräch gesagt hatte: „Wenn der Krieg verloren geht, wird auch das Volk verloren sein. Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das deutsche Volk zu seinem primitiven Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil, es ist besser, selbst diese Dinge zu zerstören. Denn das Volk hat sich als das schwächere erwiesen, und dem stärkeren Ostvolk gehört ausschließlich die Zukunft. Was nach diesem Kampf übrigbleibt, sind ohnehin nur die Minderwertigen, denn die Guten sind gefallen!“ (Nebenbei bemerkt: diese „Führerworte“ gehören in jedes Schulbuch bei Behandlung des „Dritten Reiches“ und des Zweiten Weltkrieges, damit alle Jugendlichen frühzeitig erfahren, was von der Glorifizierung Hitlers und seines Krieges als „Krieg für die Gleichberechtigung und Größe des deutschen Volkes“ durch die Neonazis und andere Reaktionäre zu halten ist!)

Hitler beließ es nicht bei Worten, sondern befahl am gleichen 19. März 1945 die totale Zerstörung deutschen Landes. In diesem – als „Nero-Befehl“ in die Geschichte eingegangenen – Hitler-Befehl hieß es:
1. Alle militärischen, Verkehrs-, Nachrichten- Industrie- und Versorgungsanlagen sowie Sachwerte innerhalb des Reichsgebietes, die sich der Feind für die Fortsetzung seines Kampfes irgendwie sofort oder in absehbarer Zeit nutzbar machen kann, sind zu zerstören.
2. Verantwortlich für die Durchführung dieser Zerstörung sind die militärischen Kommandobehörden für alle militärischen Objekte einschl. der Verkehrs- und Nachrichtenanlagen, die Gauleiter und Reichsverteidigungskommissare für alle Industrie- und Versorgungsanlagen sowie sonstige Sachwerte; den Gauleitern und Reichsverteidigungskommissaren ist bei der Durchführung ihrer Aufgaben durch die Truppe die notwendige Hilfe zu leisten.
3. Dieser Befehl ist schnellstens allen Truppenführern bekannt zu geben, entgegenstehende Weisungen sind ungültig.

In diesem Zerstörungsbefehl kamen das Rüstungsministerium und seine rüstungswirtschaftliche Organisation überhaupt nicht vor, Hitler wollte Speer jede Einflussnahme auf die weiteren Maßnahmen unmöglich machen. Dieser Zerstörungsbefehl Hitlers war dessen Antwort auf Speers Zerstörungsverbots-Denkschrift. In den nächsten Tagen und Wochen war Speer vollauf damit beschäftigt, im Lande herumzureisen und mit Vertretern der Industrie, mit Militärs, mit Rüstungsbevollmächtigten, sogar mit Gauleitern zu konferieren, um sie für die Nichtbefolgung des „Nero-Befehls“ zu gewinnen, was hin und wieder auch gelang.

Die Tage bis zum Ende des Monats März waren auf diese Weise mit einem Ringen zwischen Speer und Hitler um die Verhinderung bzw. die Durchführung des Zerstörungsbefehls ausgefüllt. Dieses Ringen endete in der Nacht vom 29. zum 30. März mit einem Kompromiss, bei dem sich der Sache nach Speer durchsetzte.

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Die Genossen, die vom VII. Weltkongress in das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI) gewählt wurden. Sitzend v.l.n.r.: André Marty, Georgi Dimitroff (Generalsekretär), Palmiro Togliatti, Wilhelm Florin, Wang Ming. Stehend: M.A. Moskwin, O. W. Kuusinen, D.S. Manuilski, Klement Gottwald, Wilhelm Pieck.
Dietrich Eichholtz, einer der international führenden DDR-Historiker für die Wirtschaft des deutschen Faschismus, dessen Band III seiner einzigartigen „Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939-1945“, (Berlin 1996) alle Angaben zu Speers Denkschrift und zu Hitlers „Nero-Befehl“ entnommen sind, gibt den Inhalt dieses Kompromisses wie folgt wieder (S.666 f.): „Hitler unterschreibt einen neuen, von Speer abgefassten Erlass, der sich formal auf den Nerobefehl bezieht, tatsächlich aber die Zerstörungen von Industrieanlagen und Versorgungsbetrieben einschränkend‚ auch durch ‚nachhaltige Lähmung‘ zu ersetzen und sie in jedem Fall zugunsten der Produktion ‚bis zum letztmöglichen Zeitpunkt‘ hinauszuschieben gestattet. Der Kernpunkt des Erlasses aber, der aus dem Nerobefehl weitgehend Makulatur macht, ist die ausschließliche Beauftragung des Rüstungsministers mit der Durchführung der Lähmungs- und Zerstörungsmaßnahmen.
Also da, wo in der Endphase des Krieges Hitler erstmals eine eigene, den Interessen seiner Auftraggeber zuwiderlaufende Politik, – die Politik der totalen Zerstörung sogar der Grundlagen für einen Wiederaufstieg des deutschen Imperialismus – durchzuführen versuchte, musste er zurückweichen und das Kommando dem Vertrauensmann der „Wirtschaft“ überlassen.

Thalheimer oder Dimitroff?

Die Probe auf die Richtigkeit einer Theorie ist die Praxis. Die Frage, wer den deutschen Faschismus richtig einschätzte – Bert Brecht und August Thalheimer oder Georgi Dimitroff und die Kommunistische Internationale – ist durch die Geschichte eindeutig beantwortet: Die richtige Antwort findet auch Rolf Becker nicht bei Thalheimer, sondern bei dem Mann, der seit den frühen zwanziger Jahren den bulgarischen und den internationalen, insbesondere auch den deutschen Faschismus, in Theorie und Praxis bekämpft und als Gefangener der Nazifaschisten und Angeklagter im Reichstagsbrandprozess dem Hitlerfaschismus seine erste wahrhaft historische und in die Zukunft weisende Niederlage bereitet hat – bei Georgi Dimitroff und der Kommunistischen Internationale.

Kurt Gossweiler, April 2009


Anmerkung:
Mit freundlicher Genehmigung von Kurt Gossweiler – Überschrift und Zwischenüberschriften von uns (Gruppe KAZ)


 


 
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   Kommentar zum Artikel von retmarut:
Sonntag, 30.01.2011 - 16:04

Der Text ist zwar schon ein bisschen älter, jedoch sehr lesenswert. Jedenfalls passend zum 30. Januar.

Die Argumentation von Kurt Gossweiler halte ich für durchaus richtig, vermute aber, dass die Aussage von Rolf Becker bewusst (vielleicht aus "didaktischen" Gründen) etwas verzerrt dargestellt wird. Insb. bei der Frage, ob das Kleinbürgertum mit dem Faschismus an der Macht sei, vermute ich, dass Rolf Becker hier überinterpretiert wird. Aus den Zitaten in Kurt Gossweilers Text kann ich das jedenfalls nicht herauslesen.

Mag mal jemand die Rede von Rolf raussuchen und verlinken?