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US-Strafzölle auf Stahl und Aluminium
  begonnen von retmarut am 04.03.2018
04.03.2018, 15:35 Uhr
Communarde
retmarut
Trump hatte ja gerade angekündigt, Importstrafzölle auf Stahl (25%) und Aluminium (10%) zu erheben. Auf SPON las ich in einer Randbemerkung, dass die VR China etwa 2% der Stahlimporte der USA stellt.
Das Gekeife der deutschen Exportindustrie über diese angedachten Importbeschränkungen ist natürlich groß. Das sei der Anfang vom Untergang des freien Welthandels und des globalen Handelssystems. Gleichzeitig hat die deutsche und EU-Seite aber keinerlei Probleme damit, wenn sie selbst Strafzölle auf Stahl aus der VR China erlässt.

In der medialen Berichterstattung wird daher aktuell auch gerne der Fokus der Empörung erneut auf die VR China gerichtet, aus der „Dumpingstahl“ komme, der staatlich quersubventioniert werde. Der wahre Gegner sei die VR China, gegen den die USA doch bitte Hand in Hand mit der EU vorgehen müsse, statt US-amerikanische Sonderwege zu fahren. Da den USA aber offensichtlich auch die deutsche Exportwalze ein Dorn im Auge ist, die der Trumpschen Reindustrialisierung des US-Rostgürtels im Wege stehe, verhallt solch ein Klagen und Jammern ungehört in Washington.

Da ich selbst keine wirklich fundierte Vorstellung darüber habe, was welcher Industriestandort in welcher Menge wohin exportiert, habe ich beim Statistikamt der USA einmal nachgeschlagen:
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Demnach waren 2017 die Hauptexporteure von Stahl in die USA Kanada (7,6 Mrd. USD), Mexiko (5,1), Südkorea (2,8), Brasilien (2,4), Deutschland (1,8), Japan (1,7), Russland (1,4), Taiwan (1,3), Türkei (1,2), VR China (1,0).
Die VR China hat dabei einen Anteil von etwa 3,4%, Deutschland hingegen einen Anteil von 6,3%. Die VR China kann daher auch wesentlich entspannter auf diese Strafzollandrohung reagieren als Deutschland oder die EU (letztere mit insgesamt 6,2 Mrd. USD an Stahlexporten in die USA). Die EU-Seite hat auch umgehend mit Spiegelstrafen gedroht, die aber wohl eher symbolisch (nach innen) wirken sollen, schließlich ziehe man laut Juncker in Betracht, US-Motorräder, Jeans und Whisky zu besteuern. (Es fehlen nur noch Cowboyhüte, um das antiamerikanische Abziehbild rund zu machen. Wollte man wirklich der US-Exportwirtschaft wehtun, würde sich beispielsweise ein Strafzoll auf Soja anbieten.) Die chinesische Seite reagiert deutlich anders auf Trumps Twitterdiplomatie. Der chinesische Vizeaußenminister Zhang Yesui erklärte: „China will keinen Handelskrieg mit den USA, aber wir werden definitiv nicht tatenlos zusehen, wie Chinas Interessen Schaden nehmen.“In einer so großen Beziehung ist es nur natürlich, dass es Spannungen gibt", so Zhang Yesui weiter. Gegenseitige Marktöffnung sei die Lösung, „um den Kuchen der Kooperation größer zu machen“.

Die wirklichen Verlierer bei US-Stahlstrafzöllen wären allerdings Kanada, Mexiko, Brasilien sowie Südkorea. Insb. die beiden NAFTA-Staaten werden damit heftig in die Zange genommen, was vermutlich auch den Verhandlungsstatus der USA bei evtl. Neuverhandlungen der NAFTA begünstigen soll. (Vielleicht gibt es dann ein dubioses Angebot an Mexiko: Wir erlassen euch per NAFTA die Strafzölle und ihr zahlt uns eine hübsche Grenzmauer ...)

Gestern hat Trump noch einmal per Twitter draufgesattelt: „If the E.U. wants to further increase their already massive tariffs and barriers on U.S. companies doing business there, we will simply apply a Tax on their Cars which freely pour into the U.S. They make it impossible for our cars (and more) to sell there. Big trade imbalance!“

Hier geht es also ganz direkt gegen die EU-Automobilindustrie, v.a. die deutsche Exportwalze, Strafzollüberlegungen, die umgehend Schnappatmung beim deutschen Kapital hervorrufen.
Allerdings ist zu fragen, ob die Einbußen der hiesigen Autobauer wirklich so enorm wären, schließlich haben die selbst Produktionsstandorte in den USA. (Falls jemand dazu aussagekräftiges Zahlenmaterial hat, bitte hier im Forum verlinken, danke!)

Letztlich ist aber auch fraglich, ob die Strafzölle der USA wirklich vor der WTO Bestand haben würden, sollten die EU, die VR China, Kanada, Brasilien, Japan, Südkorea und andere rechtlich dagegen vorgehen. Schon 2003 hatten die USA beim sog. USA-EU-Stahlstreit, bei dem es um US-Strafzölle i.H.v. 30% auf Stahlimporte ging, in allen Punkten eine herbe Niederlage vor dem WTO-Gericht eingefahren. Link ...jetzt anmelden! Unter den jetzigen Bedingungen (US-“America first!“-Doktrin mit begleitenden verbalen Rundumschlägen, Stärkung der VR China innerhalb der WTO) wird die USA wohl kaum auf einen besseren Ausgang hoffen dürfen. Und einen einseitigen US-Austritt aus der WTO wird selbst ein Präsident Trump derzeit nicht vollziehen wollen, da ihm sonst das US-Kapital mit dem Messer an der Gurgel hinge.
04.03.2018, 19:51 Uhr
US-Strafzölle auf Stahl und Aluminium

Communarde
mischa
nicht uninteressant: Link ...jetzt anmelden!
05.03.2018, 19:10 Uhr
US-Strafzölle auf Stahl und Aluminium

Communarde
retmarut
Was ich gestern noch scherzhaft schrieb, ist heute tatsächlich bereits Realität: Trump hat Kanada und Mexiko angeboten, die Strafzölle auf Stahl/Aluminium für die beiden Nachbarländer aufzuheben, wenn diese im Gegenzug bei NAFTA-Neuverhandlungen den USA weitere Vorrechte einräumen. - Der Mann hat ein wunderbares Gespür, wie man sich allseits unbeliebt macht. Offenbar scheint er mit dieserart Droh- und Druckpolitik auch seine privaten Unternehmen zu führen; nachhaltig scheint mir das nicht zu sein.
Naja, Trump redet viel, aber umsetzen kann er davon auch kaum etwas. Macron hat derweil bereits die Kontakte zu Kanada intensiviert, um sich als alternativer Handelspartner ins Gespräch zu bringen.
05.03.2018, 22:19 Uhr
US-Strafzölle auf Stahl und Aluminium

Communarde
Rainer
@retmarut :

Gegen Kanada und Mexiko kann sich Trump das wohl erlauben. Das nennt sich nur dann verrückt,wenn es ein Nichtimperialist macht. Ein Imperialist übt sich hingegen in klassischer Erpressung...

Spannender wird die Reaktion der EU. Denn Trump scheint sich bislang nicht entschieden zu haben ob er sich mit China, der EU oder beiden gleichzeitig anlegen will. Aktuell schwenkt das Pendel eher gegen die EU ;-)
05.03.2018, 23:59 Uhr
US-Strafzölle auf Stahl und Aluminium

Communarde
retmarut
@Rainer: Ich habe das auch nicht als verrückt bezeichnet. Mir ist schon klar, wie eine klassische Droh- und Druckpolitik eines Imperialismus ausschaut. ;)

Trumps Politik ist dennoch ziemlich kurzsichtig, weil er so Allianzen gegen die US-Ökonomie lostritt, die sonst nicht zustande gekommen wären. Das Verhältnis zu Kanada wird auf Dauer zerrüttet werden, entsprechend wird Ottawa sich an europäische Partner anlehnen, wer auch immer das konkret sein mag. Macron hat ja bereits den ersten Schritt getan.

Außerdem steht ja noch ein mögliches transpazifisches Freihandelsabkommen im Raum, unter Ausschluss der USA. Auch da steigen die Chancen auf ein solches, je mehr Porzellan Trump zerschlägt.

Auch die künftige Rolle der Briten ist noch nicht klar. Auch diese könnten ihre ökonomischen Beziehungen zu Kanada (und weiteren Verprellten) intensivieren.

Da ist vieles im Fluss.
06.03.2018, 10:48 Uhr
US-Strafzölle auf Stahl und Aluminium

EDIT: radon
06.03.2018, 10:49 Uhr
Communarde
radon
Ein bisschen Off-Topic: Trumps Studienleistungen (schlecht) sowie seine vorherigen Erlebnisse (von Eltern gewissermaßen gedroht und gedruckt, die Übernahme US Unternehmens von chinesischen Investoren selbst beobachtet und erlebt) sprechen auch von seinen jetzigen Entscheidungsfindungen.

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07.03.2018, 17:59 Uhr
US-Strafzölle auf Stahl und Aluminium

Communarde
retmarut
SPON schreibt heute:
"Viel stärker treffen könnte es die deutsche Autoindustrie - wenn Trump seine Drohung wahr macht, nach möglichen Gegenmaßnahmen der EU Importzölle auf Autos zu verhängen. "Wir beobachten die aktuelle Entwicklung mit großer Sorge", sagte der Präsident des Branchenverbandes VDA, Bernhard Mattes. Zwar produzieren BMW, Daimler und VW zunehmend auch in den USA und beschäftigen dort insgesamt rund 37.000 Menschen.

Die deutsche Autoindustrie exportiert aber daneben in großen Stückzahlen in die USA, im vergangenen Jahr waren es fast 500.000 Autos. Berechnungen der Commerzbank zufolge haben die USA 2017 aus Deutschland Autos im Wert von 20 Milliarden Dollar importiert. Einbrüche könnten Folgen haben, auch für die Beschäftigung in Deutschland."
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