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Mehrwert jenseits der Produktion
  begonnen von smersch am 10.06.2017
10.06.2017, 20:20 Uhr
EDIT: smersch
10.06.2017, 20:22 Uhr
Communarde
smersch
Während die einen nun aus dem Festival der Jugend mit neuen Anekdoten, Freundschaften und Liebelein zurück gekommen sind, war es bei mir stilecht mit eine Mehrwert-Diskussion.

Während die am Anfang sehr haarig war, da die beiden Positionen zwischen keiner und voller Mehrwertproduktion jenseits der Produktion abspielte, haben wir und nun mit Marx Relektüre und allenmöglichen Sekundärquellen zumindest mal darauf geeinigt, dass im Transport noch Mehrwert realisiert werden kann, spätestens bei der Kassierin aber Schluss ist.

Aber dazwischen? Wird im Lager und/oder beim Regaleinräumen noch Mehrwert produziert oder nicht?

Und wie sieht als Nebenstrang die firmeninterne Verwaltung aus? Ja/Nein oder müsste man das auch aufdrösseln zwischen Buchhaltung und Vertrieb, Anwalt und Controllerin etc.?

Wer hat sich denn mal die Mühe gemacht, das schematisch durchzudeklinieren für moderne Verhältnisse? Meist sind das ja sehr rudimentäre Beispiele.

Über eure Meinung würde ich mich jedenfalls sehr freuen :)
11.06.2017, 19:22 Uhr
Mehrwert jenseits der Produktion

Communarde
Erika
Lagerung ist dann mit Mehrwertproduktion verbunden, wenn dem Produkt durch die Lagerung Wert zugesetzt wird. Das ist z.B. bei Wein und wohl auch bei manchen Käsesorten der Fall. Wenn die Lagerung nur dem Verkauf dient, wird kein Wert zugesetzt (es entsteht also auch kein Mehrwert).
Verwaltung fällt unter "falsche Kosten", da wird dem Produkt auch kein Wert zugesetzt, es findet also auch keine Mehrwertproduktion statt.
Transport ist Mehrwertproduktion - wenn ich von A nach B mit dem Zug fahre, habe ich das Produkt Fahrt von A nach B gekauft. Produktion und Konsumtion dieses Produkts finden - im Gegensatz zu anderen Produkten - gleichzeitig statt. Das ist aber der einzige Unterschied, es wird auf jeden Fall Wert und damit auch Mehrwert produziert.
Wenn ein Kapitalist A den Transportkapitalisten B ein Produkt transportieren lässt, dann entsteht für B ein Mehrwert. Ob dem Produkt von Kapitalist A dadurch ein Wert zugesetzt wird, hängt davon ab, ob der Transport für die Produktion notwendig ist (ob Zitronen nach Berlin transportiert werden, was notwendig ist, weil in Berlin keine wachsen, oder ob der Transport gesellschaftlich gesehen überflüssig ist).
Das ist jetzt mal alles aus dem Gedächtnis, steht nach meiner Erinnerung alles im Kapital. Ich habe leider keine Zeit jetzt nachzuschauen.
11.06.2017, 20:10 Uhr
Mehrwert jenseits der Produktion

Communarde
mischa
„Das Produkt ist erst wirklich fertig, sobald es auf dem Markt ist. Die Bewegung, wodurch es dahin kommt, gehört noch mit zu seinen Herstellungskosten.“
K. Marx, Grundrisse, 432.

Und mir scheint, daß der nachfolgend zitiete Abschnitt nahelegt, daß auch die Kassiererin und der Lagerarbieter Mehrwert schafft:

„Die stoffliche Bestimmtheit der Arbeit und daher ihres Produkts hat an und für sich nichts mit dieser Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit zu tun.
Z.B. die Köche und Kellner in einem öffentlichen Hotel sind produktive Arbeiter, sofern ihre Arbeit sich in Kapital für den Hotelbesitzer verwandelt.
Dieselben Personen sind unproduktive Arbeiter als Dienstboten, insofern ich in ihrem Dienst nicht Kapital mache, sondern Revenue verausgabe.“
K. Marx, Theorien über den Mehrwert I., MEW 26.1, 129
11.06.2017, 23:31 Uhr
Mehrwert jenseits der Produktion

Communarde
smersch
Das Problem ist, dass man mit reinen Marx-Zitaten da nur bedingt weiterkommt. Immer ne Frage was man zitiert :D

" " Nach wie vor schafft Kauf- und Verkaufszeit keinen Wert. Eine Illusion kommt herein durch die Funktion des Kaufmannskapitals. Aber, ohne hier noch näher darauf einzugehn, ist so viel von vornherein klar: Wenn durch Teilung der Arbeit eine Funktion, die an und für sich unproduktiv, aber ein notwendiges Moment der Reproduktion ist, aus einer Nebenverrichtung vieler in die ausschließliche Verrichtung weniger verwandelt wird, in ihr besondres Geschäft, so verwandelt sich nicht der Charakter der Funktion selbst. Ein Kaufmann (hier als bloßer Agent der Formverwandlung der Waren, als bloßer Käufer und Verkäufer betrachtet) mag durch seine Operationen die Kauf- und Verkaufszeit für viele Produzenten abkürzen. Er ist dann als eine Maschine zu betrachten, die nutzlosen Kraftaufwand vermindert oder Produktionszeit freisetzen hilft.“ MEW Bd. 24 (Kapital Band 2), S. 133""

""Es handelt sich hier nur um den allgemeinen Charakter der Zirkulationskosten, die aus der bloßen formellen Metamorphose entspringen. Es ist hier überflüssig, auf alle ihre Detailformen einzugehn. MEW Bd. 24 (Kapital Band 2), S. 137""


Nun ja :D

Allgemein steht das alles in Band II viel expliziter und ausführlicher in Band I. Jetzt kann man aber natürlich einen auf Neue Marx Lektüre machen und Engels für einen Pfuscher halten und damit Band II+III die Autorität absprechen :D

""Aber alle Arbeit, die Wert zusetzt, kann auch Mehrwert zusetzen und wird auf kapitalistischer Grundlage immer Mehrwert zusetzen, da der Wert, den sie bildet, von ihrer eignen Größe, der Mehrwert, den sie bildet, von dem Umfang abhängt, worin der Kapitalist sie bezahlt. Kosten also, die die Ware verteuern, ohne ihr Gebrauchswert zuzusetzen, für die Gesellschaft also zu den faux frais der Produktion gehören, können für den individuellen Kapitalisten Quelle der Bereicherung bilden. Andrerseits, soweit der Zusatz, den sie dem Preis der Ware hinzufügen, diese Zirkulationskosten nur gleichmäßig verteilt, hört ihr unproduktiver Charakter dadurch nicht auf. Z.B. Assekuranzgesellschaften verteilen die Verluste individueller Kapitalisten unter die Kapitalistenklasse. Dies verhindert jedoch nicht, daß die so ausgeglichnen Verluste nach wie vor, das gesellschaftliche Gesamtkapital betrachtet, Verluste sind.""

Es bleibt spannend!

Aber um Erikas Beispiel aufzugreifen: Wenn die Lagerung die Verderblickeit einer Ware vermindert, würde sie ja Wert schaffen. Was ja chemisch gesehen auf fast alles zutrifft nur mit enormen zeitlichen Unterschieden.

Ist somit die Lagerung von Eis unermäßlich wertbringender als die von Kohle, wo die Tedenz gegen Null geht? Das Eis beim Eisverkäufer aber Kurz vorm Verkauf steht und somit irgendwie auch schon wieder Teil der Zirkulationskosten ist, die Kohle als Rohstoff in einer Stahlschmelze auf den Weg zum Flugzeug aber Teil einer schwindelerregend Wertproduktionskette steht, mit mächtiger Mehrwertschöpfung?

Oder mache ich mir schon wieder alles zu kompliziert oder gar zu einfach?