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Martínez Heredia zur Lage des popularen Lagers in LA
  begonnen von FPeregrin am 25.02.2017
25.02.2017, 01:02 Uhr
EDIT: FPeregrin
25.02.2017, 01:05 Uhr
Communarde
FPeregrin
Bei der 12. Internationalen Konferenz über Emanzipatorische Paradigmen in Lateinamerika und der Karibik "Berta Cáceres Vive", die vom 10. bis 13. Januar mit Delegierten sozialer und politischer Organisationen aus 23 Ländern in Havanna stattfand, hier der kubanische Philosoph Fernando Martínez Heredia einen Vortrag, der seit vorgestern gekürzt in deutscher Sprache u.d.T. "Die Radikalisierung der Befreiungsprozesse in Lateinamerika ist unumgänglich" auf amerka21 veröffentlicht ist.

Ich gebe hier einige wesentliche Passagen wieder: "Die aktuelle Konjunktur bringt auf skandalöse Weise einen Mangel des popularen Lagers zum Ausdruck, der sich in den letzten Jahrzehnten angesammelt hat, zugleich aber immer weniger als gravierende Schwäche angesehen wurde: die Ermangelung eines wirklich eigenen Denkens, das dazu in der Lage wäre, in seinem unversöhnlichen Widerstreit gegenüber der Dominanz des Kapitalismus eine Identität zu begründen und das fähig wäre, die wesentlichen Fragen der Zeit, die konjunkturellen Umstände, die beteiligten gesellschaftlichen Lager und die streitenden Kräfte zu erfassen. /
Ein überzeugendes und anziehendes Denken also, das zugleich als mobilisierendes, die Unterschiede vereinigend und als effizientes Instrument dient, um treffende Analysen und Politikformen zu entwickeln, die zum Handeln und zur Formulierung von Projekten beitragen. / Diese fehlende Entwicklung eines machtvollen Denkens des popularen, kritischen und schöpferischen Lagers stellt man fest, wenn man die Bestürzung und die mangelhaften Erklärungen betrachtet, die über die laufenden Ereignisse in mehreren lateinamerikanischen Ländern reichlich in Umlauf sind und die unterschiedliche Zusammenbrüche, Niederlagen oder Rückschläge von Prozessen konstatiert haben, die für die Bevölkerungen und ihre Autonomie gegenüber dem Imperialismus im bisherigen Verlauf dieses Jahrhunderts von Vorteil gewesen sind. / [...] / n diesem Fall stehen wir vor einer der wesentlichsten Deformationen und Verkürzungen, die das revolutionäre Denken erlitten hat, vielleicht der meist verbreiteten und hartnäckigsten von allen: nämlich allen sozialen Prozessen eine angeblich "ökonomische" Ursache zuzuschreiben. Hinter ihrer scheinbaren Logik steht die Verdinglichung des spirituellen Lebens und der sozialen Ideen, die der Sieg des Kapitalismus hervorgebracht hat und die von denjenigen akzeptiert wird, die vorgeben, sich dem System zu widersetzen, ohne es fertig zu bringen, dem Gefängnis seiner Kultur zu entkommen und die deshalb nicht fähig sind zu begreifen, dass die Menschen die Protagonisten aller sozialen Realitäten sind. / [...] / Nichts ist entschieden, weder unsere Feinde noch wir haben den Sieg in Reichweite. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass es die ideologischen und politischen Kämpfe sind, die in der allgemeinen Konfrontation die Entscheidung bringen werden. Dabei möchte ich für die Analysearbeit drei Hauptrichtungen hervorheben: a) Ernsthaft und ohne Auslassungen alle Informationen und alle ideologischen Vorstellungen und Formulierungen zu suchen, die irgendeine Bedeutung haben könnten – weil sowohl die einen wie die anderen die bestehenden Realitäten ausmachen –, sie im Detail und als Ganzes zu analysieren, das Wesentliche zu formulieren und das Nebensächliche wenigstens zu beschreiben; b) die Bedingungen zu untersuchen und zu bewerten, die für unser Handeln von Bedeutung sein könnten, seien sie institutioneller, ökonomischer, ideologischer, politischer oder anderer Art; c) die Identitäten, Motivationen und Forderungen sowie Mobilisierungsfähigkeit und den Organisationsgrad, über die wir verfügen, zu analysieren und zu erkennen und ebenso was in den selben Bereichen zugunsten unserer Gegner spricht, das heißt das Kräfteverhältnis zu studieren. Und ich bestehe darauf, dass die Handlungen der Menschen das wesentliche Element der Ereignisse sind, die morgen historisch sein werden. / Die Reaktion schlägt keine Ideen vor, sondern bringt Aktionen hervor. Sie gibt keine Begründungen bezüglich der Zentralität, die der Markt einzunehmen hat, der Reduzierung der Funktionen des Staates, der Rechtfertigung des Privatunternehmens und für die Zweckmäßigkeit, sich den USA unterzuordnen. Sie beabsichtigt nicht, ihre ideologische und kulturelle Dominanz mittels einer Debatte von Ideen zu stärken und zu verbreiten. Der Antikommunismus und die Verteidigung der alten traditionellen Werte sind nicht mehr ihre Schlachtpferde und die alten politischen Organismen nicht mehr ihre Hauptinstrumente. / Seit zwanzig Jahren gebe ich zu bedenken, dass die Hauptanstrengung des Kapitalismus auf den kulturellen Krieg um die Beherrschung des alltäglichen Lebens gerichtet ist; darauf zu erreichen, dass alle akzeptieren, dass die einzig mögliche Kultur im alltäglichen Leben die kapitalistische ist und dass das System ein bürgerliches ist, das ein der Transzendenz und der Organhaftigkeit beraubtes Leben kontrolliert. / [...] / Die universelle kulturelle Reproduktion seiner Vorherrschaft ist grundlegend für den Kapitalismus, um das wachsende - und widersprüchliche - Ausmaß zu ersetzen, in dem er sich von der Reproduktion des Lebens von Milliarden von Menschen im Weltmaßstab abgekoppelt hat; und er bemächtigt sich ebenso weltweit der natürlichen Ressourcen und der geschaffenen Werte. Um seinen kulturellen Krieg zu gewinnen ist es für ihn notwendig, den Widerstand zu beseitigen und Rebellionen vorzubeugen, die Gefühle und Ideen zu homogenisieren, die Träume gleichzuschalten. Wenn die unterdrückten, ausgebeuteten oder seiner Dominanz unterworfenen Mehrheiten der Welt sich nicht ihre andere und ihm entgegen gesetzte Alternative erarbeiten, werden wir bei einem selbstmörderischen Konsens landen, weil der Kapitalismus für uns in der Zukunft keinen Platz hat. / Ich habe Genossen, die ich sehr schätze, erklärt, dass der Kapitalismus nicht - wie von ihnen behauptet - versucht, ein Einheitsdenken durchzusetzen, sondern dafür zu sorgen, dass es überhaupt kein Denken gibt. Es ist ein kolossaler Prozess im Gange, die Denkinstrumente und die menschliche Gewohnheit des Denkens abzubauen, die mittelbaren Schlussfolgerungen auszuschalten, bis eine Art von Idiotisierung der Massen erreicht wird. / Die Situation erfordert es, alle relevanten Aspekte des laufenden Prozesses, alle Politikstrategien und alle Optionen mit Tiefgründigkeit und selbstkritischem Geist zu analysieren. Diese Haltung und daraus folgende Handlungen sind durchführbar, weil das populare Lager Lateinamerikas Ideale, Überzeugungen, reale organisierte Kräfte und eine reich angehäufte Kultur besitzt. [...] / [...] / Wir steuern auf eine neue Etappe von Ereignissen zu, die entscheidend sein können, von großen Herausforderungen und Konfrontationen und von Möglichkeiten radikaler gesellschaftlicher Veränderungen. Das heißt eine Etappe, in der die Praxis und die historische Bewegung überwiegen werden, in der die Akteure sich gegen die Umstände durchsetzen und diese tiefgreifend verändern könnten, eine Etappe, in der es Siege oder Niederlagen geben wird. / Es ist wirklich wichtig, die Unzulänglichkeiten eines jeden Prozesses zu begreifen. / Noch wichtiger ist es zu handeln. Bewusstmachen, organisieren, mobilisieren, die Kräfte nutzen, über die man verfügt - das steht auf der Tagesordnung. [...] / In der beginnenden Epoche treffen sehr unterschiedliche, ja sogar divergierende Kräfte zusammen. Sie sind verbunden über Bedürfnisse, gemeinsame Feinde und strategische Faktoren, die über ihre jeweiligen Identitäten, Forderungen und Projekte hinausgehen. Und nur eine zielgerichtete, organisierte Praxis hat Aussicht auf Erfolg, die in der Lage ist, die grundlegenden Informationen, Bewertungen und Optionen, die Vielfältigkeit der Situationen, Positionen und Ziele, die bestimmenden Faktoren und Politiken, die auf dem Spiel stehen, zu handhaben. /


[...]
25.02.2017, 01:02 Uhr
[...] Martínez Heredia zur Lage des popularen Lagers in LA

EDIT: FPeregrin
25.02.2017, 01:04 Uhr
Communarde
FPeregrin
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Die Radikalisierung der Prozesse wird die unumgängliche Tendenz für ihre eigenes Überleben sein müssen. Rückschritte und entwaffnende Konzessionen gegenüber einem Feind, der es versteht, unerbittlich zu sein, wären selbstmörderisch. Aber die Hauptsache ist - angesichts des Niveaus, das die politische Kultur der Völker und die Hoffnungen auf Freiheit, soziale Gerechtigkeit und Wohlstand für alle erreicht haben – dass die Bewegungen, die Mächte und die angesehenen und mutigen Anführer die popularen Kräfte nur vervielfachen können und Aussicht auf den Sieg haben, wenn sie die tatsächliche Befreiung vom Joch des Kapitalismus in ihre Kampfaufrufe einbeziehen. / Die revolutionäre Politik kann sich nicht damit zufrieden geben, alternativ zu sein. / Generell hat seine Natur das Systems in eine Sackgasse geführt, aber seine Macht und seine aktuellen Ressourcen ermöglichen ihm einen breiten Bogen von Antworten gegen die laufenden Prozesse und kann auch manchen Alternativen eine Nische der Toleranz lassen, während es Verführung und Erwartung miteinander kombiniert bis diese verschlissen sind. In dem Maß, in dem wir Siege und Veränderungen unserer selbst erwirken, werden wir die Alternativen in Prozesse menschlicher und sozialer Emanzipation verwandeln. / Solange Unterdrückung, Ausbeutung und kapitalistische Dominanz existieren, wird es weder Lösungen noch politische und soziale Systeme geben, die für die Mehrheiten zufriedenstellend und von Dauer sind. Die Befreiung der Menschen und der Gesellschaften wird die Türen zur Schaffung einer neuen Welt öffnen. Das erscheint als zu ambitioniert? Ja, natürlich. Aber es ist das einzig Machbare."

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