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•NEUER BEITRAG15.04.2026, 17:29 Uhr
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Kriegführung mit Künstlicher Intelligenz
tp vorgestern:Chinas Militär-KI entscheidet schneller als erfahrene Kommandeure
13. April 2026 Bernardo Cantz
China setzt eine KI als digitalen Stabschef ein. In Simulationen übertraf sie erfahrene Offiziere deutlich. Doch das System hat klare Grenzen.
Chinas Volksbefreiungsarmee testet einen KI-Agenten, der Kommandanten auf dem Schlachtfeld beraten soll.
In einer simulierten Invasion schlug das System laut South China Morning Post (SCMP) fünf erfahrene Militärexperten – es entschied 43 Prozent schneller als sie. Doch bis zum echten Einsatz bleibt ein weiter Weg.
Digitaler Stabschef für das Kommandozelt
Die National University of Defence Technology (NUDT) und die Volksbefreiungsarmee entwickelten das System laut Bericht gemeinsam. Eine peer-reviewte Studie in der Fachzeitschrift Command Control & Simulation behauptet, das System sei bereits in eine Kommandoplattform auf Bataillonsebene integriert.
Die KI fungiert dabei nicht als Waffe, sondern als eine Art digitaler Stabschef. Sie soll Kommandanten helfen, im Chaos eines Gefechts die richtigen Fragen zu stellen und schneller zu handeln.
So arbeitet die KI technisch
Das System verbindet ein großes Sprachmodell mit einer dynamischen Echtzeit-Karte des Schlachtfelds. Es filtert unwichtige Informationen heraus, erkennt taktische Lücken und liefert Hinweise für Entscheidungen, die mit der militärischen Doktrin übereinstimmen.
Seine Kernaufgabe: wesentliche Unbekannten identifizieren, die über Erfolg oder Scheitern einer Mission bestimmen. Während ein Kommandant unter Stress manchmal den Überblick verliert, priorisiert die KI diese Fragen in Echtzeit.
Simulation: KI gegen erfahrene Offiziere
Die Forscher ließen das System gegen fünf Experten antreten. Jeder von ihnen brachte durchschnittlich zwölf Jahre Dienstzeit und Erfahrung bei der Forschung zur amphibischen Kriegsführung mit.
Das Testszenario: eine amphibische Landungsoperation unter hohem Druck – ein Manöver, das oft mit einem möglichen Taiwan-Konflikt in Verbindung steht.
Die KI verkürzte den sogenannten OODA-Zyklus – Beobachten, Orientieren, Entscheiden, Handeln – um 43 Prozent. Selbst als elektronische Störsignale die Kommunikation lahmlegten, rief das System wichtige Daten mit über 90 Prozent Genauigkeit ab.
In einem Schlüsselmoment der Simulation erkannte die KI eine gefährliche Lücke: Feindliche Panzer rückten vor, doch der Standort der gegnerischen Reservekräfte war unbekannt.
Das System stufte das Problem sofort als Hochrisiko ein und empfahl den Einsatz von Aufklärungseinheiten. Ein Mensch hätte dafür wohl wertvolle Minuten an Diskussionen gebraucht.
Klare Grenzen des Systems
Die Forscher selbst benennen mehrere Schwachstellen. Das System leidet unter einem sogenannten Kaltstart-Problem: Ohne dokumentierte Entscheidungshistorie eines Kommandanten fehlt der KI eine Grundlage für ihre Empfehlungen.
Zudem beschränken sich alle bisherigen Tests auf amphibische Küstenszenarien. Für Häuserkampf in Städten oder Gefechte im Gebirge ist das System noch nicht erprobt.
Der operative Status bleibt ebenfalls unscharf – die konkreten Leistungsdaten stammen ausschließlich aus Simulationen.
Nächste Ausbaustufen und globaler Wettlauf
Künftig soll die KI mehrere Militäreinheiten gleichzeitig koordinieren. Die Forscher planen robustere Systeme durch Technologien wie Blockchain und verteiltes Lernen. Außerdem wollen sie das Modell auf mobile Geräte für untergeordnete Einheiten bringen.
"Dies stellt einen Wandel von erfahrungsbasiertem Kommando hin zu datengesteuerter und wissensgestützter Entscheidungsfindung dar", schrieben die Forscher laut SCMP.
Die Entwicklung steht im Kontext eines globalen Rennens um militärische Künstliche Intelligenz – angetrieben hauptsächlich vom technologischen Wettstreit zwischen China und den USA.
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#VrChina
•NEUER BEITRAG16.04.2026, 07:45 Uhr
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Irgendwie gefällt mir das Ganze nicht. Vielleicht habe ich auch nur zu viele SciFi-Filme gesehen, aber ein "Nur Maschinen mit Maschinen gegen ebensolche (gegnerische) Maschinen" endete dort nie gut.
•NEUER BEITRAG28.04.2026, 18:41 Uhr
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Kriegführung mit Künstlicher Intelligenz
tp gestern:Anarchie als Strategie: Die neue Logik des Krieges
27. April 2026 Lars Lange
Krieg ohne Zentrum: Drohnen, Mosaike, Code. Asymmetrische Kriegsführung formt neue Logik. Doch wer kämpft, wenn niemand mehr Befehle gibt? Eine Einschätzung.
Irgendwo in der Ukraine trägt ein Drohnenpilot eine Videobrille und fliegt eine Drohne, die für ein paar hundert Dollar aus online bestellten Komponenten zusammengebaut wurde, in einen Schützenpanzer.
Die neue Logik des Krieges
Iranische Raketeneinheiten feuern, von denen Teheran nicht einmal weiß, wo genau sie stehen, Salven auf amerikanische Stützpunkte im Irak.
Und in einem Vorort von Teheran sitzt ein IRGC-Kommandeur, der keine Befehle mehr empfängt — weil die Befehlskette tot ist — und trotzdem kämpft, weil er genau weiß, was zu tun ist.
Drei Szenen, eine Logik: Der Krieg organisiert sich neu. Von unten. Ohne Zentrum. Mit tödlicher Präzision.
Anarchie als System: Die Geburt einer neuen Kriegsordnung
Eine andere Form von militärischer Ordnung schält sich heraus — nicht Anomie, sondern Anarchie im klassischen Sinne des Wortes: Koordination ohne Hierarchie, Wirkung ohne zentralen Befehl, Resilienz durch Fragmentierung.
Dieser Wandel zeigt sich in der iranischen Mosaikverteidigung als bewusste Doktrin, in der ukrainischen Frühphase des Krieges als Improvisation aus der Not — und auf beiden Seiten der Front in der Ukraine als technologische Eigendynamik, die eine neue, dezentrale Kriegsführung ausformt.
Als die US-amerikanischen Streitkräfte 2003 in Irak einmarschierten, brauchten sie 26 Tage, um Saddam Husseins Regime zum Kollaps zu bringen. Teheran zog daraus seine Lehren. Denn Saddams Machtapparat war ein Uhrwerk: präzise, zentralisiert, und mit einem Konstruktionsfehler behaftet: Wer das Zentrum trifft, stoppt die Maschine.
Irans Mosaikverteidigung: Resilienz durch Zersplitterung
2005 verkündete die Iranische Revolutionsgarde unter General Mohammad Ali Jafari die formelle Integration der sogenannten Mosaikverteidigung in ihre Doktrin. Drei Jahre später folgte die organisatorische Umsetzung: Die IRGC wurde in 31 Provinzkommandos aufgeteilt — Tehran erhielt zwei —, jedes ausgestattet mit eigenem Geheimdienst, eigenen Waffendepots, eigener Logistikkette und eigenem Befehlsapparat.
Der persische Begriff dafür, دفاع موزاییکی, bedeutet wörtlich Mosaikverteidigung. Das System ist defensiv gedacht, auf Überleben und territoriale Integrität ausgerichtet, während westliche Kurzfassungen oft einen offensiveren Anspruch hineinlesen.
Die Metapher des Mosaiks ist dabei Programm. Anders als ein Uhrwerk, dessen fehlendes Zahnrad die Maschine stoppt, kann ein Mosaik einzelne Kacheln verlieren, ohne dass das Gesamtbild zerfällt. Für jeden kritischen Posten in der Befehlskette existieren drei bis sieben namentlich benannte Nachfolger, die sofort übernehmen können.
Wenn der Kopf fehlt: Die Bewährungsprobe der Mosaikstrategie
Das Center for Iranian Studies in Ankara beschreibt, wie Israel mit seiner sogenannten Oktopus-Doktrin jahrelang versuchte, den Kopf zu treffen — und dabei ins Leere läuft.
Die eigentliche Bewährungsprobe kam am 28. Februar 2026, mit dem Beginn der Operation Epic Fury und dem Tod Khameneis am darauffolgenden Tag. Das System schaltete in den Kriegsmodus, den es jahrzehntelang geprobt hatte. Irans Außenminister Seyed Araghchi beschreibt das System folgendermaßen:
"Wir hatten zwei Jahrzehnte, um die Niederlagen des US-Militärs unmittelbar östlich und westlich von uns zu studieren. Wir haben die Lehren daraus gezogen. Bombenangriffe auf unsere Hauptstadt haben keinen Einfluss auf unsere Kriegsfähigkeit. Die dezentralisierte Mosaikverteidigung ermöglicht es uns zu entscheiden, wann — und wie — der Krieg endet."
Was folgte, offenbarte sowohl die Stärke als auch das zentrale Paradox dieser Architektur: Eine dezentralisierte Kraft, die gebaut wurde, um weiterzufeuern, kann auch nicht mehr zurückgepfiffen werden.
Überleben statt Steuerung: Der Preis der dezentralen Macht
Als autonome IRGC-Einheiten Ziele im Oman und in der Türkei beschossen, räumte Araghchi ein, die betreffenden Einheiten seien schlicht nicht mehr direkt erreichbar gewesen. Das Jerusalem Institute for Strategy and Security (JISS) spricht in diesem Zusammenhang von einem "Krieg ohne Zentrum" — operativ kontinuierlich, strategisch führungslos.
Die Mosaikverteidigung hatte geliefert, was sie versprochen hatte: keinen schnellen Regimekollaps. Aber zu einem Preis, den ihre Architekten 2005 einkalkuliert hatten und der sich nun in Echtzeit zeigte — Überleben auf Kosten der Steuerbarkeit, vielleicht ein Grundprinzip einer neuen Kriegsführungslogik.
Denn nur wenige Jahre früher, auf einem anderen Schlachtfeld und aus völlig anderen Gründen, vollzog eine zweite Armee denselben Strukturwandel, improvisiert, unter Beschuss, aus purer Notwendigkeit.
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•NEUER BEITRAG28.04.2026, 19:25 Uhr
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Ukraine-Krieg: Anarchie aus der Not geboren
In den ersten Stunden des 24. Februar 2022 mobilisierte die Ukraine innerhalb von 48 Stunden 50.000 Ukrainer. Die ersten Einheiten waren drei bis vier Stunden nach Kriegsbeginn in den Territorialverteidigungskräften einsatzbereit – praktisch ohne Ausbildung und großer lokaler Selbstorganisation statt zentraler Kontrolle.
Die Territorialverbände waren zum Zeitpunkt der Invasion so mangelhaft in die regulären Befehlsketten integriert, dass sie faktisch autonom operierten — aus der Not heraus, nicht aus Doktrin. Das französische Militärforschungsinstitut IRSEM hält fest, dass genau diese erzwungene Autonomie den Einheiten jene Flexibilität und Resilienz verschaffte, die den russischen Vormarsch auf Kyiv, Sumy und Tschernihiw aufhielt.
Vorausgegangen war ein jahrelanger Reformprozess. Der damalige ukrainische Generalstabschef Saluschnyj delegierte Entscheidungsgewalt konsequent bis auf Sergeanten-Ebene. Mehrere Junioroffiziere missachteten in den ersten Kriegswochen bewusst Befehle und improvisierten erfolgreichere Lösungen — Anarchisierung von unten.
Vom Panzer zur Drohne: Der Bruch in der Waffenökonomie
Diese frühe ukrainische Überlegenheit hatte allerdings einen Zeithorizont. Mit dem Übergang zum Stellungskrieg wich dezentrale Elastizität zunehmend starren Haltebefehl-Reflexen — während Russland seinerseits anarchische Drohneninnovationen von unten inkorporierte.
Was Ukraine und Russland auf taktischer Ebene improvisierten, Iran auf doktrinärer Ebene konstruierte, hat eine gemeinsame technologische Wurzel. Die Anarchisierung der Kriegsführung wäre ohne eine fundamentale Verschiebung in der Waffenökonomie undenkbar — den Übergang von der Plattform zum Wirkmittel.
Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Plattform: Der Kampfjet trägt die Bombe, das Kriegsschiff die Rakete, der Panzer die Kanone. Die Plattform ist mehrfach verwendbar, komplex, teuer – und das verwundbare Zentrum des Systems.
"Precise Mass": Wie billige Waffen Hierarchien überflüssig machen
Iran war die erste größere Streitmacht, die dieser Logik bewusst absagte. Teheran baute systematisch ein Arsenal auf, das auf Masse, Verlusttoleranz und Erschöpfung des Gegners ausgelegt ist: Schahed-Drohnen, ballistische Raketen, Marschflugkörper, produziert in Serie, gestartet von einfachen Schienen und zivilen Schwerlastfahrzeugen. Der Träger wurde Logistik. Das Wirkmittel trägt sich selbst.
Die Forscher Michael Horowitz und Lauren Kahn beschreiben in der Asia Times das Ergebnis als Zeitalter der "Precise Mass" — Masse und Präzision vereint im Billigwirkmittel, zugänglich für Staaten und nichtstaatliche Akteure gleichermaßen.
Dadurch fällt der organisatorische Grund für Hierarchie weg, und mit ihm der strukturelle Zwang zur zentralisierten Befehlsgebung.
Was die Anarchisierung der Kriegsführung erst vollständig macht, ist ihre digitale Infrastruktur. Denn dezentrale Gewalt braucht dezentrale Koordination — und die liefert Software.
Krieg als Plattform: Wenn Software das Kommando übernimmt
Das anschaulichste Beispiel ist GIS Arta, ein ukrainisches Programm, das der Entwickler Yaroslav Sherstyuk ursprünglich in seiner Freizeit als Artillerieoffizier schrieb. Es ist eine Art Uber für das Gefechtsfeld: Artilleriebatterien melden sich im System als verfügbar, ein Algorithmus weist ihnen Feuermissionen zu, die Zeit zwischen Zielerfassung und erstem Schuss beträgt 30 bis 45 Sekunden.
Das Wirkmittel wird zur Dienstleistung, abrufbar auf Bestellung, dezentral koordiniert durch Software statt durch Befehlskette.
GIS Arta steht exemplarisch für ein breiteres Ökosystem. Softwaresysteme komprimieren die Zeitspanne zwischen Sensor und Schütze, ermöglichten dezentralisierte Befehlsgebung und bewältigten ein großes Volumen an Aufklärungsdaten. Auf der Beschaffungsseite entstand mit Brave1 Market eine Plattform, die als "Amazon für Krieg" beschrieben wird: Fronteinheiten bestellen Ausrüstung per Kampfpunkte statt über zentrale Bürokratie.
Der Krieg der Vielen: Zivilisten und Soldaten im Netzwerk
Die zivile Dimension dieser anarchischen Infrastruktur ist dabei ebenso bemerkenswert. Im ersten Kriegsmonat etwa meldeten 260.000 ukrainische Bürger per App russische Truppenbewegungen — dezentralisierte Aufklärung als Massenbewegung.
Taktische Innovation entstand in diesem Krieg durchgängig auf Einheitsebene, oft schneller als jede Beschaffungsbürokratie reagieren konnte. Das Glasfaserkabel als Antwort auf elektronisches Jamming ist dafür symptomatisch: entwickelt von Drohnenpiloten, die ihre FPV-Systeme gegen Störsender schützen wollten: improvisiert, dezentral, von unten, ohne Beschaffungsorder.
Wenn Hierarchie versagt: Das Militär als Labor der Zukunft
Es ist eine große Ironie der Gegenwart: Ausgerechnet das Militär, jene Institution, die den hierarchischen Imperativ in seiner reinsten Form verkörpert, in der ein Befehl Gesetz ist und Gehorsam Tugend, wird zum Labor einer neuen Organisationslogik.
Die anarchische Kriegsführung entsteht wegen des Drucks der Realität. Hierarchie versagt unter den Bedingungen moderner Konfliktgeschwindigkeit. Dezentralisierung siegt, weil sie besser funktioniert.
Das Militär bleibt, was es ist, eine hierarchische Institution. Aber auf operativer Ebene hat es anarchische Elemente inkorporiert. Die Institution bleibt hierarchisch, aber auf der operativen Ebene werden Elemente von Selbstorganisation angewendet.
Das wirft eine Frage auf, die weit über das Militär hinausweist. Wenn selbst die starrste hierarchische Institution der modernen Gesellschaft gezwungen ist, anarchische Prinzipien zu inkorporieren, was sagt das dann über Parlamente, Parteien und Regierungen aus?
Die Anarchisierung des Militärs ist vielleicht der deutlichste Hinweis darauf, dass hierarchische Entscheidungsarchitekturen generell an ihre strukturellen Grenzen stoßen — und dass die Frage, wie Gesellschaften Entscheidungen treffen, drängender ist als je zuvor.
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Ukraine-Krieg: Anarchie aus der Not geboren
In den ersten Stunden des 24. Februar 2022 mobilisierte die Ukraine innerhalb von 48 Stunden 50.000 Ukrainer. Die ersten Einheiten waren drei bis vier Stunden nach Kriegsbeginn in den Territorialverteidigungskräften einsatzbereit – praktisch ohne Ausbildung und großer lokaler Selbstorganisation statt zentraler Kontrolle.
Die Territorialverbände waren zum Zeitpunkt der Invasion so mangelhaft in die regulären Befehlsketten integriert, dass sie faktisch autonom operierten — aus der Not heraus, nicht aus Doktrin. Das französische Militärforschungsinstitut IRSEM hält fest, dass genau diese erzwungene Autonomie den Einheiten jene Flexibilität und Resilienz verschaffte, die den russischen Vormarsch auf Kyiv, Sumy und Tschernihiw aufhielt.
Vorausgegangen war ein jahrelanger Reformprozess. Der damalige ukrainische Generalstabschef Saluschnyj delegierte Entscheidungsgewalt konsequent bis auf Sergeanten-Ebene. Mehrere Junioroffiziere missachteten in den ersten Kriegswochen bewusst Befehle und improvisierten erfolgreichere Lösungen — Anarchisierung von unten.
Vom Panzer zur Drohne: Der Bruch in der Waffenökonomie
Diese frühe ukrainische Überlegenheit hatte allerdings einen Zeithorizont. Mit dem Übergang zum Stellungskrieg wich dezentrale Elastizität zunehmend starren Haltebefehl-Reflexen — während Russland seinerseits anarchische Drohneninnovationen von unten inkorporierte.
Was Ukraine und Russland auf taktischer Ebene improvisierten, Iran auf doktrinärer Ebene konstruierte, hat eine gemeinsame technologische Wurzel. Die Anarchisierung der Kriegsführung wäre ohne eine fundamentale Verschiebung in der Waffenökonomie undenkbar — den Übergang von der Plattform zum Wirkmittel.
Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Plattform: Der Kampfjet trägt die Bombe, das Kriegsschiff die Rakete, der Panzer die Kanone. Die Plattform ist mehrfach verwendbar, komplex, teuer – und das verwundbare Zentrum des Systems.
"Precise Mass": Wie billige Waffen Hierarchien überflüssig machen
Iran war die erste größere Streitmacht, die dieser Logik bewusst absagte. Teheran baute systematisch ein Arsenal auf, das auf Masse, Verlusttoleranz und Erschöpfung des Gegners ausgelegt ist: Schahed-Drohnen, ballistische Raketen, Marschflugkörper, produziert in Serie, gestartet von einfachen Schienen und zivilen Schwerlastfahrzeugen. Der Träger wurde Logistik. Das Wirkmittel trägt sich selbst.
Die Forscher Michael Horowitz und Lauren Kahn beschreiben in der Asia Times das Ergebnis als Zeitalter der "Precise Mass" — Masse und Präzision vereint im Billigwirkmittel, zugänglich für Staaten und nichtstaatliche Akteure gleichermaßen.
Dadurch fällt der organisatorische Grund für Hierarchie weg, und mit ihm der strukturelle Zwang zur zentralisierten Befehlsgebung.
Was die Anarchisierung der Kriegsführung erst vollständig macht, ist ihre digitale Infrastruktur. Denn dezentrale Gewalt braucht dezentrale Koordination — und die liefert Software.
Krieg als Plattform: Wenn Software das Kommando übernimmt
Das anschaulichste Beispiel ist GIS Arta, ein ukrainisches Programm, das der Entwickler Yaroslav Sherstyuk ursprünglich in seiner Freizeit als Artillerieoffizier schrieb. Es ist eine Art Uber für das Gefechtsfeld: Artilleriebatterien melden sich im System als verfügbar, ein Algorithmus weist ihnen Feuermissionen zu, die Zeit zwischen Zielerfassung und erstem Schuss beträgt 30 bis 45 Sekunden.
Das Wirkmittel wird zur Dienstleistung, abrufbar auf Bestellung, dezentral koordiniert durch Software statt durch Befehlskette.
GIS Arta steht exemplarisch für ein breiteres Ökosystem. Softwaresysteme komprimieren die Zeitspanne zwischen Sensor und Schütze, ermöglichten dezentralisierte Befehlsgebung und bewältigten ein großes Volumen an Aufklärungsdaten. Auf der Beschaffungsseite entstand mit Brave1 Market eine Plattform, die als "Amazon für Krieg" beschrieben wird: Fronteinheiten bestellen Ausrüstung per Kampfpunkte statt über zentrale Bürokratie.
Der Krieg der Vielen: Zivilisten und Soldaten im Netzwerk
Die zivile Dimension dieser anarchischen Infrastruktur ist dabei ebenso bemerkenswert. Im ersten Kriegsmonat etwa meldeten 260.000 ukrainische Bürger per App russische Truppenbewegungen — dezentralisierte Aufklärung als Massenbewegung.
Taktische Innovation entstand in diesem Krieg durchgängig auf Einheitsebene, oft schneller als jede Beschaffungsbürokratie reagieren konnte. Das Glasfaserkabel als Antwort auf elektronisches Jamming ist dafür symptomatisch: entwickelt von Drohnenpiloten, die ihre FPV-Systeme gegen Störsender schützen wollten: improvisiert, dezentral, von unten, ohne Beschaffungsorder.
Wenn Hierarchie versagt: Das Militär als Labor der Zukunft
Es ist eine große Ironie der Gegenwart: Ausgerechnet das Militär, jene Institution, die den hierarchischen Imperativ in seiner reinsten Form verkörpert, in der ein Befehl Gesetz ist und Gehorsam Tugend, wird zum Labor einer neuen Organisationslogik.
Die anarchische Kriegsführung entsteht wegen des Drucks der Realität. Hierarchie versagt unter den Bedingungen moderner Konfliktgeschwindigkeit. Dezentralisierung siegt, weil sie besser funktioniert.
Das Militär bleibt, was es ist, eine hierarchische Institution. Aber auf operativer Ebene hat es anarchische Elemente inkorporiert. Die Institution bleibt hierarchisch, aber auf der operativen Ebene werden Elemente von Selbstorganisation angewendet.
Das wirft eine Frage auf, die weit über das Militär hinausweist. Wenn selbst die starrste hierarchische Institution der modernen Gesellschaft gezwungen ist, anarchische Prinzipien zu inkorporieren, was sagt das dann über Parlamente, Parteien und Regierungen aus?
Die Anarchisierung des Militärs ist vielleicht der deutlichste Hinweis darauf, dass hierarchische Entscheidungsarchitekturen generell an ihre strukturellen Grenzen stoßen — und dass die Frage, wie Gesellschaften Entscheidungen treffen, drängender ist als je zuvor.
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•NEUER BEITRAG28.04.2026, 20:17 Uhr
| Nutzer / in | |
| FPeregrin | |
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Nun ist diese Anarchisierung der Kommandostrukturen nichts, was nicht ähnlich (!) schon an anderen Zeiten und Orten stattgefunden hätte. Auffällig geschieht dies in den antinapoleonischen Volkskriegskonzepten am Anfang des 19. Jahrhunderts, am ausführlichsten theoretisiert wohl bei den Preußen (Scharnhorst - Gneisenau - Clausewitz). Und schon damals - das war aber viel einfacher zu sehen - bemerkt Clausewitz, daß die fundamentalen Änderungen in der Kriegführung seit der frz. Revolution im wesentlichen nicht neuen Erfindungen und Ideen zuzuschreiben sind, sondern neuen gesellschaftlichen Verhältnissen (https://clausewitzstudies.org/readings/VomKriege1832/Book6.-
htm#6-30). Ähnlich warnt Mao in der Zeit des langwierigen Volkskriegs vor mechanistischen Vorstellungen der Allmacht der Waffen (MaoGW, Bd. 2, 166).
Vielleicht liegt es einfach nur an der faszinierenden Vehemenz und Geschwindigkeit der Entwicklung neuer Waffen und neuer Arten der Kriegführung, die ja beschrieben und verstanden werden wollen, daß ich manchmal den Eindruck habe, Lars Lange könnte in Richtung einer solchen mechanistischen Denkfall tendieren - es ist also vielleicht nur ein Mißverständnis meinerseits. Aber festhalten will ich es doch: Die Innovationen in der Kriegführung haben nicht ihren Ursprung in den neuen technischen Mitteln, sondern - ebenso wie diese - ihren Ursprung in den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen, die gekennzeichnet sind durch einen imperalistischen Hegemonieverlust, was u.a. daran sichtbar wird, daß die technischen wie strategischen Innovationen gar nicht von den Imperialistien ausgehen. ... und so gesehen ist dieser Thread hier ("Imperialismus") komplementär falsch einsortiert. Aber konnte man das 2019 wirklich schon sehen??? Soviel zur gegenwärtigen globalen #Geschichtsbeschleunigung.
#ImperialistischerHegemonieverlust
htm#6-30). Ähnlich warnt Mao in der Zeit des langwierigen Volkskriegs vor mechanistischen Vorstellungen der Allmacht der Waffen (MaoGW, Bd. 2, 166).
Vielleicht liegt es einfach nur an der faszinierenden Vehemenz und Geschwindigkeit der Entwicklung neuer Waffen und neuer Arten der Kriegführung, die ja beschrieben und verstanden werden wollen, daß ich manchmal den Eindruck habe, Lars Lange könnte in Richtung einer solchen mechanistischen Denkfall tendieren - es ist also vielleicht nur ein Mißverständnis meinerseits. Aber festhalten will ich es doch: Die Innovationen in der Kriegführung haben nicht ihren Ursprung in den neuen technischen Mitteln, sondern - ebenso wie diese - ihren Ursprung in den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen, die gekennzeichnet sind durch einen imperalistischen Hegemonieverlust, was u.a. daran sichtbar wird, daß die technischen wie strategischen Innovationen gar nicht von den Imperialistien ausgehen. ... und so gesehen ist dieser Thread hier ("Imperialismus") komplementär falsch einsortiert. Aber konnte man das 2019 wirklich schon sehen??? Soviel zur gegenwärtigen globalen #Geschichtsbeschleunigung.
#ImperialistischerHegemonieverlust
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