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NEUES THEMA15.01.2007, 01:35 Uhr
 Kollektiv 
secarts.org Redaktion
• Der Hauptfeind steht im eigenen Land! "Was seit zehn Monaten, seit dem Angriff ├ľsterreichs auf Serbien, t├Ąglich zu erwarten war, ist eingetreten: Der Krieg mit Italien ist da.

Die Volksmassen der kriegf├╝hrenden L├Ąnder haben begonnen, sich aus den amtlichen L├╝gennetzen zu befreien. Die Einsicht in die Ursachen und Zwecke des Weltkrieges, in die unmittelbare Verantwortlichkeit f├╝r seinen Ausbruch hat sich auch im deutschen Volk verbreitet. Der Irrwahn heiliger Kriegsziele ist mehr und mehr gewichen, die Kriegsbegeisterung geschwunden, der Wille zum schleunigen Frieden m├Ąchtig emporgewachsen, allenthalben - auch in der Armee!

Eine schwere Sorge f├╝r die deutschen und ├Âsterreichischen Imperialisten, die sich vergeblich nach Rettung umsahen. Sie scheint ihnen jetzt gekommen. Italiens Eingreifen in den Krieg soll ihnen die willkommene Gelegenheit bieten, neuen Taumel des V├Âlkerhasses zu entfachen, den Friedenswillen zu ersticken, die Spur ihrer eigenen Schuld zu verwischen. Sie spekulieren auf die Verge├člichkeit des deutschen Volkes, auf seine nur allzuoft erprobte Langmut.

W├╝rde der saubere Plan gl├╝cken, das Ergebnis zehnmonatiger blutiger Erfahrung w├Ąre zunichte, das internationale Proletariat st├╝nde wiederum entwaffnet da, v├Âllig ausgeschaltet als selbst├Ąndiger politischer Faktor.

Der Plan mu├č zuschanden werden - sofern der dem internationalen Sozialismus treu gebliebene Teil des deutschen Proletariats seiner geschichtlichen Sendung in dieser ungeheuren Zeit eingedenk und w├╝rdig bleibt.

Die Feinde des Volkes rechnen mit der Verge├člichkeit der Massen - wir setzen dieser Spekulation entgegen die Losung:

Alles lernen, nichts vergessen!

Karl Liebknecht, geb. 13.08.1871, auf Befehl der SPD-Regierung gemeinsam mit Rosa Luxemburg am 15.01.1919 durch Freikorpsleute ermordet.
Karl Liebknecht stimmte als einziger damaliger SPD-Abgeordneter gegen die Verl├Ąngerung der kaiserlichen Kriegskredite, prangerte fr├╝h den chauvinistischen Verrat der deutschen Sozialdemokratie an der Arbeiterklasse an und setzte sich f├╝r eine Erneuerung der internationalistischen Prinzipien der Sozialisten ein - gemeinsam mit Lenin geb├╝hren ihm wesentliche Beitr├Ąge zur Analyse des Imperialismus und der daraus abzuleitenden Forderungen an die Arbeiterparteien: der Hauptfeind steht im eigenen Land!
Zum Jahreswechsel 1918/19 gr├╝ndete er, gemeinsam mit Rosa Luxemburg, die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD). Nach dem Berliner Spartakusaufstand wurde er auf Gehei├č des SPD-Reichspr├Ąsidenten Ebert ermordert - anl├Ąsslich des 88. Jahrestages dieses Verbrechens wollen wir mit Wiederver├Âffentlichung dieses programmatischen Flugblatts dem Vork├Ąmpfer des Weltkommunismus gedenken.Nichts vergessen!
Wir haben erlebt, da├č beim Kriegsausbruch die Massen von den herrschenden Klassen mit lockenden Melodien f├╝r den kapitalistischen Kriegszweck eingefangen wurden. Wir haben erlebt, wie die schillernden Seifenblasen der Demagogie zerplatzten, die Narrentr├Ąume des August verflogen, wie statt des Gl├╝cks Elend und Jammer ├╝ber das Volk kamen; wie die Tr├Ąnen der Kriegswitwen und Kriegswaisen zu Str├Âmen anschwollen; wie die Erhaltung der Dreiklassenschmach, die verstockte Heiligsprechung der Viereinigkeit: Halbabsolutismus - Junkerherrschaft - Militarismus - Polizeiwillk├╝r zur bitteren Wahrheit wurde.

Durch die Erfahrung sind wir gewarnt - alles lernen, nichts vergessen!

Widerw├Ąrtig sind die Tiraden, mit denen der italienische Imperialismus seine Raubpolitik verbr├Ąmt; widerw├Ąrtig ist jene r├Âmische Tragikom├Âdie, in der auch die landl├Ąufig gewordene Grimasse des ┬╗Burgfriedens┬ź nicht fehlt. Noch widerw├Ąrtiger ist jedoch, da├č wir in alledem nur wie in einem Spiegel die deutschen und ├Âsterreichischen Methoden vom Juli und August 1914 wiedererkennen.

Jede Brandmarkung verdienen die italienischen Kriegshetzer. Aber sie sind nichts als die Abbilder der deutschen und ├Âsterreichischen Kriegshetzer, jener Hauptschuldigen am Kriegsausbruch. Gleiche Br├╝der, gleiche Kappen!

Wem hat das deutsche Volk die neue Heimsuchung zu danken?

Von wem hat es Rechenschaft zu fordern f├╝r die neuen Opfer-Hekatomben, die sich t├╝rmen werden ?

Es bleibt dabei: Das ├Âsterreichische Ultimatum an Serbien vom 23. Juli 1914 war die Brandfackel, die die Welt entz├╝ndete, wenn auch der Brand erst sp├Ąt auf Italien ├╝bergriff.

Es bleibt dabei: Dieses Ultimatum war das Signal f├╝r die Neuverteilung der Welt und rief mit Notwendigkeit alle kapitalistischen Raubstaaten auf den Plan.

Es bleibt dabei: Dieses Ultimatum rollte die Frage der Vorherrschaft auf dem Balkan, in Kleinasien und im ganzen Mittelmeer und damit auch alle Gegens├Ątze zwischen ├ľsterreich-Deutschland und Italien mit einem Schlage auf.

Wenn sich die deutschen und ├Âsterreichischen Imperialisten jetzt hinter dem Busch der italienischen Raubpolitik, hinter der Kulisse der italienischen Treulosigkeit zu verstecken suchen; wenn sie die Toga der moralischen Entr├╝stung, der gekr├Ąnkten Unschuld umwerfen, w├Ąhrend sie doch in Rom nur eben ihresgleichen gefunden haben, so verdienen sie die Lauge des grausamsten Hohns.

Nicht vergessen gilt's, wie mit dem deutschen Volke gerade in der italienischen Frage gespielt worden ist, gespielt von den sehr ehrenwerten deutschen Patrioten.

Seit je war der Dreibundvertrag mit Italien eine Farce - euch hat man dar├╝ber get├Ąuscht!

Stets galt Italien dem Kundigen f├╝r den Kriegsfall als sicherer Gegner ├ľsterreichs und Deutschlands - euch hat man es als einen sicheren Bundesgenossen vorgegaukelt!

Im Dreibundvertrag, bei dessen Abschlu├č und Erneuerung niemand euch befragte, lag ein gut Teil von Deutschlands weltpolitischem Schicksal beschlossen - bis zum heutigen Tage ist euch von diesem Vertrage nicht ein Buchstabe mitgeteilt.

Das ├Âsterreichische Ultimatum an Serbien, mit dem eine kleine Clique die Menschheit ├╝berrumpelte, war der Bruch des B├╝ndnisvertrags zwischen ├ľsterreich und Italien - euch hat man davon nichts gesagt.

Dieses Ultimatum ist gegen den ausdr├╝cklichen Widerspruch Italiens ergangen - euch hat man das verschwiegen.

[liebknacht.jpg]Am 4. Mai dieses Jahres schon war von Italien das B├╝ndnis mit ├ľsterreich aufgel├Âst - bis zum 18. Mai hat man diese entscheidende Tatsache dem deutschen und ├Âsterreichischen Volk vorenthalten, ja, der Wahrheit zum Trotz geradewegs amtlich abgeleugnet - ein Gegenst├╝ck zu jener geflissentlichen D├╝pierung des deutschen Volkes und des Deutschen Reichstages ├╝ber das deutsche Ultimatum an Belgien vom 2. August 1914.

Auf die Verhandlungen Deutschlands und ├ľsterreichs mit Italien, von denen das Eingreifen Italiens abhing, gab man euch keinen Einflu├č. Als Unm├╝ndige wurdet ihr in dieser Lebensfrage behandelt, w├Ąhrend die Kriegspartei, w├Ąhrend die Geheimdiplomatie, w├Ąhrend eine Handvoll Leute in Berlin und Wien um das Geschick Deutschlands w├╝rfelte.

Durch die Torpedierung der ┬╗Lusitania┬ź wurde nicht nur die Macht der englischen, franz├Âsischen und russischen Kriegsparteien gefestigt, ein schwerer Konflikt mit den Vereinigten Staaten heraufbeschworen, das ganze neutrale Ausland zu leidenschaftlicher Emp├Ârung gegen Deutschland aufgebracht, sondern auch der italienischen Kriegspartei gerade in der kritischen Zeit ihr verh├Ąngnisvolles Werk erleichtert - auch dazu hat das deutsche Volk schweigen m├╝ssen; die eiserne Faust des Belagerungszustandes dr├╝ckte ihm die Gurgel zu.

Im M├Ąrz dieses Jahres schon konnte der Friede angebahnt werden - die Hand war von England geboten -, die Profitgier der deutschen Imperialisten wies sie zur├╝ck. Hintertrieben wurden aussichtsreiche Friedensbem├╝hungen durch die deutschen Interessenten an kolonialen Eroberungen gro├čen Stils, an der Annexion Belgiens und Franz├Âsisch-Lothringens, durch die Kapitalisten der gro├čen deutschen Schiffahrtsgesellschaften, durch die Scharfmacher der deutschen Schwerindustrie.

Auch das hat man dem deutschen Volke verheimlicht, auch da hat man es nicht zu Rate gezogen.

Wem hat, so fragen wir, das deutsche Volk die Fortsetzung des grauenvollen Kriegs, wem Italiens Eingreifen zu danken? Wem anders als den verantwortlichen Unverantwortlichen im eigenen Lande.

Alles lernen, nichts vergessen!

Der italienische Abklatsch der deutschen Ereignisse vom Sommer vorigen Jahres kann Denkenden kein Sporn zu neuem Kriegstaumel sein, nur ein neuer Ansto├č zur Verscheuchung jener Hoffnungsirrwische von einer Morgenr├Âte politischer und sozialer Gerechtigkeit, nur ein neues Licht zur Erhellung der politischen Verantwortlichkeiten, zur Enth├╝llung der ganzen Gemeingef├Ąhrlichkeit jener ├Âsterreichischen und deutschen Kriegstreiber, nur ein neuer Anklageakt gegen sie.

Lernen und nicht vergessen aber gilt es auch und vor allem, welch heldenm├╝tigen Kampf unsere italienischen Genossen gegen den Krieg gek├Ąmpft haben und noch k├Ąmpfen. K├Ąmpfen in der Presse, in Versammlungen, in Stra├čenkundgebungen, k├Ąmpfen mit revolution├Ąrer Kraft und K├╝hnheit, trotzend mit Leib und Leben dem w├╝tenden Anprall der obrigkeitlich aufgepeitschten nationalistischen Wogen. Ihrem Kampf gelten unsere begeisterten Gl├╝ckw├╝nsche. La├čt ihren Geist unser Vorbild sein! Sorgt, da├č er das Vorbild der Internationale werde!

W├Ąre er es seit jenen Augusttagen gewesen, es st├╝nde besser in der Welt. Es st├╝nde besser um das internationale Proletariat.

Aber kein Zusp├Ąt kennt entschlossener Kampfeswille!

Abgewirtschaftet hat die unsinnige Parole des ┬╗Durchhaltens┬ź, die nur immer tiefer in den Malstrom der V├Âlkerzerfleischung f├╝hrt. Internationaler proletarischer Klassenkampf gegen internationale imperialistische V├Âlkerzerfleischung hei├čt das sozialistische Gebot der Stunde.

Der Hauptfeind jedes Volkes steht in seinem eigenen Land!

Der Hauptfeind des deutschen Volkes steht in Deutschland: der deutsche Imperialismus, die deutsche Kriegspartei, die deutsche Geheimdiplomatie. Diesen Feind im eigenen Lande gilt's f├╝r das deutsche Volk zu bek├Ąmpfen, zu bek├Ąmpfen im politischen Kampf, zusammenwirkend mit dem Proletariat der anderen L├Ąnder, dessen Kampf gegen seine heimischen Imperialisten geht.

Wir wissen uns eins mit dem deutschen Volk - nichts gemein haben wir mit den deutschen Tirpitzen und Falkenhayns, mit der deutschen Regierung der politischen Unterdr├╝ckung, der sozialen Knechtung. Nichts f├╝r diese, alles f├╝r das deutsche Volk. Alles f├╝r das internationale Proletariat, um des deutschen Proletariats, um der getretenen Menschheit willen!

Die Feinde der Arbeiterklasse rechnen auf die Verge├člichkeit der Massen - sorgt, da├č sie sich gr├╝ndlich verrechnen! Sie spekulieren auf die Langmut der Massen - wir aber erheben den st├╝rmischen Ruf:

Wie lange noch sollen die Gl├╝cksspieler des Imperialismus die Geduld des Volkes mi├čbrauchen? Genug und ├╝bergenug der Metzelei! Nieder mit den Kriegshetzern diesseits und jenseits der Grenze!

Ein Ende dem V├Âlkermord!

Proletarier aller L├Ąnder, folgt dem heroischen Beispiel eurer italienischen Br├╝der! Vereinigt euch zum internationalen Klassenkampf gegen die Verschw├Ârungen der Geheimdiplomatie, gegen den Imperialismus, gegen den Krieg, f├╝r einen Frieden im sozialistischen Geist.

Der Hauptfeind steht im eigenen Land!"


[Flugblatt vom Mai 1915]


#deutscherimperialismus #hauptfeind #imperialismus #kpd #liebknecht
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