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NEUES THEMA23.06.2017, 22:08 Uhr
EDIT: FPeregrin
09.05.2022, 22:58 Uhr
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FPeregrin

Zu Erfindung und Funktion des 'Holodomor' Zu einer der dreistesten und erfolgreichsten GeschichtslĂŒgen des Klassenfeinds - den sog. "Holomodor" - heute in der jW ein lesenswerter Artikel von Thanasis Spanidis m.d.T. Der erfundene Völkermord, dessen letzten Absatz hier einmal zitiere:

"Beim »Holodomor« handelt es sich also um einen besonders dreisten Fall von GeschichtsfĂ€lschung, da jedes Detail des relativ gut erforschten Ereignisses der These eines gewollten »Völkermords« widerspricht. Erst recht gilt das, wenn man bedenkt, dass es durchaus andere historische Ereignisse gibt, die man als »Hungergenozid« bezeichnen könnte. So beispielsweise die Hungersnot von Bengalen 1943, als die britischen Kolonialherren den Tod von geschĂ€tzten 1,5 bis vier Millionen Menschen achselzuckend hinnahmen. Nichts dergleichen geschah in der Sowjetunion. Dennoch ist der erfundene ukrainische Völkermord viel bekannter als der tatsĂ€chliche Hungergenozid des britischen Kolonialismus. Der Grund dafĂŒr ist offensichtlich: LĂŒgen haben nur dann kurze Beine, wenn sie nicht von mĂ€chtigen Interessen unterstĂŒtzt werden. Der »Holodomor« aber erfĂŒllt mindestens eine dreifache politische Funktion: Erstens und vor allem geht es darum, das aus der Oktoberrevolution hervorgegangene System als mörderische und menschenverachtende Diktatur darzustellen und damit die Vision einer sozialistischen Gesellschaft, also der planmĂ€ĂŸigen Produktion und Verteilung der GĂŒter in einer Gemeinschaft der Gleichen, an sich zu diskreditieren. Zweitens wollen bestimmte Kreise mit dem »kommunistischen Völkermord« die Verbrechen der deutschen Faschisten und ihrer VerbĂŒndeten, insbesondere ihrer ukrainischen Hilfstruppen, relativieren, in den Hintergrund rĂŒcken oder gar als Reaktion auf den »stalinistischen Terror« darstellen. Und drittens schließlich ist der »Holodomor« ein nĂŒtzliches Propagandainstrument im Dienste des westlichen Imperialismus und der fanatisch antirussisch eingestellten Regierungen in Osteuropa, allen voran der ukrainischen. Russland wird als Nachfolgestaat eines genozidalen Systems angeprangert, um tief verwurzelte Vorurteile und Ängste der Bevölkerungen gegenĂŒber einem angeblich typisch russischen Despotismus zu mobilisieren. Das verfĂ€lschte Geschichtsbild des ukrainischen Nationalismus dient nicht zuletzt dem Kiewer Putschregime zur Rechtfertigung seiner Politik. Es bedarf wohl keiner großen Voraussicht, wenn man also davon ausgeht, dass uns die Legende vom »Holodomor« noch eine Zeitlang erhalten bleiben wird."

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NEUER BEITRAG15.04.2022, 18:01 Uhr
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FPeregrin

Zu Erfindung und Funktion des 'Holomodor' #Ukraine:

Da die Darstellung dieses MÀrchens als feste historische Tatsache z.Z. an aktueller Bedeutung gewinnt, sei o.g. jW-Artikel Der erfundene Völkermord, der inzwischen nicht mehr frei zugÀnglich ist, noch einmal vollstÀndig gespiegelt:


Aus: Ausgabe vom 23.06.2017, Seite 12 / Thema
Geschichtspolitik

Der erfundene Völkermord

Die Behauptung, Anfang der 1930er Jahre habe die Sowjetunion unter Stalin in der Ukraine eine Hungersnot initiiert, um politischen Widerstand zu brechen, hĂ€lt sich bis heute – die Fakten zeigen indes ein anderes Bild

Von Thanasis Spanidis

»Bitter Harvest« oder auf deutsch: »Holodomor – bittere Ernte« ist der Titel eines aufwendigen »Geschichtsdramas«, das Ende Februar dieses Jahres in den USA in die Kinos kam. Der Film stellt, selbst gemessen an Hollywood-Standards, einen ganz besonders dreisten Fall von GeschichtsfĂ€lschung dar. Sein Thema ist die »ukrainische Hungersnot« von 1932/33, die, folgt man den Filmemachern, von der sowjetischen Regierung absichtlich ins Werk gesetzt wurde, um die Ukrainer fĂŒr ihren Freiheitsdrang zu bestrafen.

Der Regisseur George Mendeluk ist nicht zufĂ€llig ein ukrainischer Exilant aus Kanada. FĂŒr das Drehbuch stellte der ukrainisch-kanadische Investor Ian Ihnatowycz 21 Millionen US-Dollar zur VerfĂŒgung. Da der Streifen, abgesehen vom geschichtsklitternden Inhalt, auch filmisch in jeder Hinsicht zu wĂŒnschen ĂŒbriglĂ€sst, darf man immerhin hoffen, dass ihm ein nennenswerter Erfolg verwehrt bleibt. Jedenfalls: Mendeluks »Werk« zeichnet das Bild einer Ukraine, in der vor der Oktoberrevolution idyllische ZustĂ€nde herrschten, bis bösartige Bolschewisten mit russischem Akzent mordend und brandschatzend ĂŒber das Land herfielen. Erbost darĂŒber, dass die Ukrainer sich das nicht gefallen ließen, befahl Stalin, sie alle zu Tode zu hungern. Aber dann ein Lichtblick: Nachdem Millionen gestorben sind, stehen die Massen auf und machen sich ans Kommunistentöten, um ihre »Freiheit« zurĂŒckzugewinnen.

Das Erscheinen des Films im Jahr 2017 dĂŒrfte kaum ein Zufall sein. Die NATO ist in den vergangenen Jahren auf offenen Konfrontationskurs gegenĂŒber Russland gegangen. Ein wichtiger Baustein bei der Einkreisung Moskaus ist das Regime in Kiew, zu dessen NationalerzĂ€hlung der »Holodomor« fest dazugehört. Der Begriff ist eine ukrainische Wortneuschöpfung, die in etwa »Mord durch Hunger« bedeutet und dessen klangliche Ähnlichkeit mit dem Wort »Holocaust« wohl beabsichtigt ist. Vor allem aber ist der »Holodomor« eins: ein MĂ€rchen und keine geschichtliche Tatsache.

Doch so falsch das Geschichtsbild des Films, randstĂ€ndig ist es keineswegs. Zwar sind ukrainische Faschisten und Nationalisten seit jeher die eifrigsten Vertreter der Holodomor-LĂŒge. Sie sind aber bei weitem nicht die einzigen. Auch zahlreiche Regierungen schließen sich der GeschichtsfĂ€lschung an. Bis dato erkennen 24 Regierungen den »Holodomor« als Völkermord an, darunter Polen, Australien, Kanada, die USA, Spanien, Tschechien und einige LĂ€nder Lateinamerikas. Auch das EU-Parlament bezeichnete 2008 den »Holodomor« als Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Die Entstehung eines Mythos

Das Geburtsjahr des »Hungergenozids« ist das Jahr 1935. Damals veröffentlichten US-Zeitungen, die dem Imperium des Medienmoguls William Randolph Hearst angehörten, eine Serie ĂŒber die »ukrainische Hungersnot«, gezeichnet von Thomas Walker. Hearst selbst war einer der reichsten MĂ€nner der Welt und glĂŒhender AnhĂ€nger von Hitler und Mussolini. Es dauerte allerdings nicht lange, bis sich alles an der Serie als FĂ€lschung herausstellte: Nicht nur die Behauptungen Walkers waren erfunden, auch seine Bilder stammten aus anderen historischen Kontexten, aus Österreich-Ungarn wĂ€hrend des Ersten Weltkriegs oder Russland wĂ€hrend der Hungersnot von 1921/22.1 Diese Peinlichkeiten hielten natĂŒrlich den Völkischen Beobachter nicht davon ab, die SchauermĂ€rchen der Hearst-Presse zu ĂŒbernehmen und in den Dienst der Propaganda gegen den »jĂŒdischen Bolschewismus« zu stellen.

Das Nazireich wurde 1945 begraben, nicht aber die LĂŒge ĂŒber den »Hungerholocaust«. Denn weiterhin standen starke Interessen dahinter. Es hatte wĂ€hrend der faschistischen Besatzung der Ukraine vor allem in den westlichen Gebieten eine Kollaborationsbewegung gegeben. Die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) war unter ihrem FĂŒhrer Stepan Bandera (1909–1959) an schwersten Kriegsverbrechen gegen polnische, jĂŒdische und prosowjetische Zivilisten beteiligt gewesen und assistierte den Einheiten der SS und der Wehrmacht auch bei der DurchfĂŒhrung des Judenmords. Der zentrale Opfermythos, der die Verbrechen der UPA verdrĂ€ngen oder zumindest verstĂ€ndlicher machen soll, ist der »Holodomor«.

Und selbst bei den Historikern findet sich der Mythos bis heute: Zwar lehnen Geschichtswissenschaftler, die sich an ein Mindestmaß qualitativer Forschungsstandards halten, die These vom »Holodomor« ab. Doch nach wie vor erfreut sich das Holodomor-Standardwerk »Harvest of Sorrow« des britischen Historikers und Geheimdienstmitarbeiters Robert Conquest aus dem Jahr 1986 einer gewissen Beliebtheit.2 Als Renegat der kommunistischen Bewegung hatte der stramme ReaktionĂ€r Conquest seine eigentliche Berufung beim Information Research Department (IRD) gefunden. Das IRD war eine Behörde des britischen Außenministeriums, deren wichtigstes Ziel es war, Desinformationskampagnen gegen die Sowjetunion zu organisieren. Es war auch das IRD, das Conquest dazu bewog, antisowjetische Propaganda in Form akademischer Buchpublikationen zu betreiben.3 Doch so nĂŒtzlich Conquests Buch fĂŒr antikommunistische Zwecke war, die Fachwelt war wenig begeistert. Die wichtigsten westlichen Historiker, die sich mit der Geschichte der Sowjetunion befassten, verwarfen allesamt die Publikation als unwissenschaftlich und Conquests Kernthese vom »Hungergenozid« als absurd. Im Jahr 2010 legte Timothy Snyder von der UniversitĂ€t Yale mit seinem Bestseller »Bloodlands« nach, der in punkto Geschichtsrevisionismus selbst noch Conquest ĂŒbertraf.4 Auch hier zeigten sich die Fachkollegen skeptisch, aber das Klima hatte sich spĂŒrbar verĂ€ndert. Eine grundlegende Kritik an Snyder wurde nur noch selten laut.


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NEUER BEITRAG15.04.2022, 18:04 Uhr
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FPeregrin

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Baustein des Nationalismus

Der »Holodomor« ist also ein wichtiger Baustein des herrschenden Geschichtsbildes von der Sowjetunion bzw. den drei Jahrzehnten, in denen Stalin GeneralsekretĂ€r der Kommunistischen Partei war. Doch wĂ€hrend insgesamt sehr wenig von dem, was die breitere Öffentlichkeit (einschließlich des Großteils der »Linken«) ĂŒber diese Zeit zu wissen glaubt, wirklich den Tatsachen entspricht, stellt die Holodomor-LĂŒge eine besondere QualitĂ€t der Geschichtsklitterung dar.

Folgendes soll sich in den Jahren 1932/33 demnach abgespielt haben: Stalin, der zumeist in eins gesetzt wird mit der gesamten sowjetischen FĂŒhrung, habe die Landwirtschaft auspressen wollen, um damit die Industrialisierung der Sowjetunion zu finanzieren. Außerdem habe ihm der ukrainische Nationalismus zu schaffen gemacht. Stalin habe die Bauern und die Ukrainer im besonderen verachtet. Um den Widerstand der ukrainischen Bauern zu brechen, habe er dann beschlossen, die Ukrainer einer fĂŒrchterlichen Hungersnot zu unterwerfen. Als diese ausbrach, habe die Regierung die Republikgrenzen geschlossen, um jede Flucht unmöglich zu machen, unterdessen aber weiterhin munter Millionen Tonnen Getreide exportiert. Das Ergebnis dieser gewollten Hungersnot seien je nach Darstellung sieben, zehn oder vierzehn Millionen Tote gewesen. Dass die »SchĂ€tzungen« knapp oberhalb der Opferzahl des faschistischen Völkermords an den Juden ansetzen, dĂŒrfte kein Zufall sein.

TatsĂ€chlich hat sich jedoch fast nichts so ereignet, wie es der Mythos behauptet: Die sowjetische FĂŒhrung wollte zu keinem Zeitpunkt der Geschichte irgendeine Hungersnot, sondern hat darin im Gegenteil ĂŒber Jahrzehnte eine stĂ€ndige Gefahr gesehen. Sie unternahm sogar einiges, um sie einzudĂ€mmen. FĂŒr die Behauptung, Stalin habe die Bauern und/oder die Ukrainer gehasst, gibt es keine Belege, wohl aber zahlreiche fĂŒr das Gegenteil. Die Behauptung einer »menschengemachten« Hungersnot ist ebenfalls falsch, da in Wahrheit natĂŒrliche Faktoren entscheidend waren. Dass die Sowjetunion kaltblĂŒtig ihre Getreideexporte fortgesetzt habe, ist bestenfalls eine stark verzerrte Sichtweise. Und schließlich dĂŒrfte auch die behauptete Zahl der Hungertoten ĂŒbertrieben sein. Wahr ist an alledem nur eines: Es ist nicht zu bezweifeln, dass sich 1932/33 in Teilen der Sowjetunion eine schwere Hungersnot mit vielen Todesopfern ereignete.

Unter seriösen Historikern gibt es dennoch einen gewissen Streit ĂŒber deren Ursachen, der sich darum dreht, zu welchem Grad nicht nur Umweltfaktoren, sondern auch politische Entwicklungen zu ihrer VerschĂ€rfung beitrugen. Robert Davies und Stephen Wheatcroft sehen in der Agrarpolitik der Sowjetregierung den Hauptgrund fĂŒr die Hungersnot: Die Kollektivierung der Landwirtschaft sei mit halsbrecherischer Geschwindigkeit durchgesetzt worden bei gleichzeitiger Erhöhung der Getreideabgaben, um durch die Industrialisierung bewirkte AusfĂ€lle zu decken. Die beginnende Ausstattung der Bauern mit Traktoren, verbessertem Saatgut und KunstdĂŒnger habe den Zusammenbruch der Landwirtschaft nur teilweise kompensieren können. Die Autoren betonen jedoch, dass die Hungersnot unerwartet kam und in höchstem Maße unerwĂŒnscht war. Die Gegenmaßnahmen der Regierung reichten dann jedoch nicht mehr aus, um ein Massensterben zu verhindern.5

UnterschÀtzte Umweltbedingungen

Mark B. Tauger hat dagegen nicht nur die Version einer beabsichtigten Hungersnot, sondern auch die einer unbeabsichtigten, aber dennoch »menschengemachten« Katastrophe einer umfassenden Kritik unterzogen. Der renommierte Experte der sowjetischen Agrargeschichte verfolgt im Kern zwei Argumentationslinien. ZunĂ€chst bietet er eine umfassendere Analyse der Faktoren, die zur Hungersnot gefĂŒhrt haben, als alle anderen Autoren und weist nach, dass die Umweltbedingungen als Ursache der Hungersnot den bei weitem wichtigsten Faktor darstellten. Große Teile der Sowjetunion wurden 1931/32 von einer schweren DĂŒrre heimgesucht, gleichzeitig kam es in einigen Regionen zu schweren RegenfĂ€llen und Überflutungen, die große Teile der Ernte vernichteten. BegĂŒnstigt durch die ĂŒbermĂ€ĂŸige Feuchtigkeit, brachen schwere Pflanzenkrankheiten aus, vor allem Rostpilz in mehreren Varianten, Getreidebrand und Mutterkorn. ZusĂ€tzlich vermehrten sich SchĂ€dlinge und alle Arten von Unkraut in Massen. Nach einer sowjetischen SchĂ€tzung wurden etwa neun Millionen Tonnen Getreide oder 13–20 Prozent der Gesamternte allein durch Getreidebrand und Rostpilz vernichtet. Die Ernteeinbußen durch weitere Krankheiten, SchĂ€dlinge und Wetterbedingungen waren ebenfalls substantiell. Das Zusammenkommen mehrerer enorm ungĂŒnstiger Faktoren löste also eine schwere Krise der Nahrungsproduktion aus, die jedem damaligen Landwirtschaftssystem große Probleme bereitet hĂ€tte. Die NahrungsengpĂ€sse und Hungersnöte der vergangenen Jahre hatten auch den Bestand an Zugpferden stark in Mitleidenschaft gezogen, was die KapazitĂ€t zum PflĂŒgen der Felder verringerte.

Die vieldiskutierten »menschengemachten« Faktoren spielen in Taugers Analyse demgegenĂŒber nur eine sekundĂ€re Rolle. Durch die Industrialisierung zogen viele landwirtschaftliche ArbeitskrĂ€fte in die StĂ€dte. Die Kollektivierung beeintrĂ€chtigte wohl kurzfristig ebenfalls die Ernte, weil sie mit der Umsiedlung der wohlhabenden Bauern (»Kulaken«) einherging und widerstĂ€ndige Bauern Getreide oder Vieh vernichteten. Das fiel aber nicht so stark ins Gewicht, weil die Kulaken in der Regel ihre TĂ€tigkeit fortsetzten und weil bĂ€uerlicher Widerstand nicht das Fehlen vieler Millionen Tonnen Getreide erklĂ€ren kann. DafĂŒr hĂ€tte sich schon ein Großteil der Landbevölkerung an solchen Aktionen beteiligen mĂŒssen. Schließlich trugen auch Fehler und Ineffizienz der Wirtschaftsplanung und -verwaltung auf dem Land, unvollstĂ€ndige Kenntnis der Umweltbedingungen und unzuverlĂ€ssige Informationsbeschaffung der Regierung zur Verschlimmerung der Lage bei. Insgesamt hĂ€lt Tauger jedoch fest, dass ein außergewöhnliches Zusammentreffen extrem ungĂŒnstiger Umweltfaktoren eine Hungersnot auslöste, die durch den Mangel an Arbeits- und Zugkraft, FĂ€lle von Missmanagement und bĂ€uerlicher Sabotage in einem nicht genau quantifizierbaren Ausmaß verschĂ€rft wurde.

Die Regierung war sich der Gefahr einer Hungersnot bewusst, unterschĂ€tzte sie aber, da der sowjetische Staat zu diesem Zeitpunkt weder ausreichend ĂŒber effektive Informationsbeschaffungssysteme noch ĂŒber landwirtschaftliches Expertenwissen verfĂŒgte. Beides befand sich erst im Aufbau. Die Regierung ging dennoch zu einem breiten Spektrum an Maßnahmen ĂŒber, um die Hungersnot einzudĂ€mmen. Das vom Land abgezogene Getreide (ĂŒber staatliche Abgaben und PrivatverkĂ€ufe der Bauern) sank erheblich von 18,8 Millionen Tonnen 1931 auf 13,7 Millionen Tonnen 1932. Viele erzwungene Abgaben hatten zudem in den Hungergebieten stattgefunden und wurden zurĂŒckerstattet. Die Getreideexporte, die oft als Beleg angefĂŒhrt wurden, dass die Regierung den Hungertod von Millionen in Kauf nahm, wurden in Wirklichkeit nach Ausbruch der Hungersnot drastisch reduziert: Mitte 1931 bis Mitte 1932 waren noch 4,7 Millionen Tonnen exportiert worden, im Folgejahr nur noch 1,6 Millionen, davon nur 220.000 Tonnen im ersten Halbjahr 1933, gemessen an der GesamtgrĂ¶ĂŸe der Ernte eine minimale GrĂ¶ĂŸe. Die staatlichen Getreidereserven waren eine stĂ€ndige Sorge der SowjetfĂŒhrung, die den Aufbau solcher Reserven fĂŒr den Kriegsfall als wichtige PrioritĂ€t sah. Dennoch wurden diese nun weitgehend fĂŒr die ErnĂ€hrung der Bevölkerung aufgebraucht, einschließlich der Getreidelager der Roten Armee. Insgesamt wurden 5,76 Millionen Tonnen an Nahrung und Saatgut in die Hungergebiete geliefert, die grĂ¶ĂŸte Hungerhilfe der sowjetischen und russischen Geschichte. Da die Ernte insgesamt bei weitem zu niedrig war, bildete das PolitbĂŒro der Kommunistischen Partei ab September 1932 eine Kommission zur Ernteverbesserung, der auch Stalin und Außenminister Molotow angehörten. SpĂ€testens jetzt hatte die Hungersnot die volle Aufmerksamkeit der politischen FĂŒhrung. Das Landwirtschaftsministerium legte Programme zur SchĂ€dlingsbekĂ€mpfung und Erntesteigerung mit verbessertem Saatgut auf. Ineffizient arbeitende FunktionĂ€re auf dem Land wurden durch erfahrene Bauern ausgetauscht. Neue Gesetze sollten auch durch Strafen die Arbeitsdisziplin verbessern. Politische Abteilungen wurden in den Maschinen-Traktoren-Stationen auf dem Land sowie in den Staatsfarmen gegrĂŒndet, um die Arbeitsorganisation zu verbessern. Die unkontrollierte Binnenmigration hungernder Menschen wurde eingeschrĂ€nkt, um die Bauern dazu zu zwingen, weiter ihre Felder zu bestellen. Die genaue Betrachtung ergibt damit das Bild einer Staats- und ParteifĂŒhrung, die ernsthaft darum bemĂŒht war, eine Hungersnot zu verhindern, aber bei weitem nicht die dafĂŒr erforderlichen Ressourcen hatte.6


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NEUER BEITRAG15.04.2022, 18:06 Uhr
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FPeregrin

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Notwendige Kontextualisierung

Taugers zweite Argumentationslinie besteht darin, die Kollektivierung in den Kontext der russischen und sowjetischen Agrargeschichte zu stellen. Verschiedene Autoren haben die Kollektivierung der Landwirtschaft als politisch motivierte Entscheidung dargestellt, die ökonomisch desaströs war, aber dazu diente, die Opposition der Bauern zu brechen und die Getreideabgaben zu erhöhen. Diese Position lĂ€sst sich aus den historischen Quellen jedoch nicht nur nicht belegen, sondern steht im direkten Widerspruch zu den tatsĂ€chlich nachweisbaren Motiven der kommunistischen FĂŒhrung. Diese betrachtete die Unterentwicklung der Landwirtschaft als zentrales Hindernis fĂŒr den sozialistischen Aufbau und eine ausreichende ErnĂ€hrung der Bevölkerung. Tatsache ist, dass im Zarenreich und den Jahren nach der Revolution die landwirtschaftliche ProduktivitĂ€t so niedrig war, dass jede Störung der normalen ErnteablĂ€ufe ausreichte, um eine Hungersnot auszulösen. So hatte es 1891/92 eine Hungersnot gegeben, 1918–22 dann eine extrem schwere wĂ€hrend des BĂŒrgerkriegs und weitere wiederum in den Jahren 1924/25, 1927 und 1928/29.

Diesen Zustand sah die Regierung als untragbar und als gewaltiges Hindernis fĂŒr die Industrialisierung des Landes an. In Stalins These des »Sozialismus in einem Land« nahm das BĂŒndnis mit der Bauernschaft eine zentrale Stellung ein: Nur wenn man die Bauern als aktive UnterstĂŒtzer und HauptverbĂŒndete der Diktatur des Proletariats gewinne, die Landwirtschaft modernisiere und die ErnĂ€hrungsfrage ein fĂŒr allemal löse, könne die Sowjetunion in einer feindlichen Umwelt ĂŒberleben. Stalins Ziel war nicht die »Brechung«, sondern die politische Aktivierung und Mobilisierung der Bauern, die Hebung ihres Kulturniveaus und die effizientere Organisierung der Arbeitsprozesse.

Die Modernisierung der Landwirtschaft war aus Sicht der Regierung nur möglich, wenn die kleinteiligen bĂ€uerlichen Höfe und Dörfer zu grĂ¶ĂŸeren Einheiten zusammengeschlossen wĂŒrden, die moderne Technik auf der Grundlage wissenschaftlicher Kenntnisse anwenden könnten. Die Kollektivierung taucht in den Beratungen, Diskussionen und BeschlĂŒssen von Partei und Regierung nicht als Mittel zur Erhöhung der Getreideabgaben auf, sondern als Beginn einer langfristigen Modernisierung und Transformation der Landwirtschaft im Interesse sowohl der Land- als auch der Stadtbevölkerung. Und es blieb auch nicht bei AbsichtserklĂ€rungen: Weit davon entfernt, die Landwirtschaft irgendwie »auszupressen«, leitete die Regierung gerade wĂ€hrend der Kollektivierung umfassende Ressourcen in diesen Bereich. Wurden 1928/29 noch 8,1 Prozent des Nationaleinkommens in die Landwirtschaft investiert, erreichten die Investitionen 1930 einen Höhepunkt von 12,2 Prozent, um dann vor allem Ende der 1930er Jahre im Kontext der Kriegsvorbereitungen wieder zu sinken. Dabei sind allerdings die umfassenden Investitionen, die in die industrielle Produktion landwirtschaftlicher GerĂ€te wie Traktoren flossen, noch nicht eingerechnet. Die Vorstellung einer modernen Landwirtschaft, wie sie mehrheitlich unter den fĂŒhrenden Bolschewiki vorherrschte, bestand in einer Imitation des US-amerikanischen Modells der mechanisierten Großfarm unter sozialistischen Bedingungen. Einige sehr erfolgreiche Experimente mit Staatsfarmen (Sowchosen) in den Jahren zuvor hatten die Machbarkeit dieser Idee bestĂ€tigt. Und auch wenn bei der Kollektivierung viele unvorhergesehene Probleme auftauchten, es zu Gewaltexzessen kam, manche Ziele nicht erreicht wurden und auch die ökologische Bilanz dieser Form der Landwirtschaft problematisch ist, handelte es sich um den vermutlich einzig realistischen Ansatz, das Agrar- und Nahrungsproblem des Landes zu lösen.7


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NEUER BEITRAG15.04.2022, 18:09 Uhr
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Verzerrte Wahrnehmung

Die Wahrnehmung der sowjetischen Kollektivierung insgesamt ist, wie Mark B. Tauger zeigt, vollkommen verzerrt. Dazu haben nicht nur Leute wie Snyder beigetragen, sondern auch seriösere Historiker. Die bĂ€uerliche Opposition gegen die Kollektivierung wird von zahlreichen Autoren grotesk ĂŒberzeichnet, indem einzelne Anekdoten kurzerhand fĂŒr reprĂ€sentativ erklĂ€rt wurden. Tauger zeigt dagegen, dass etwa 1930, auf dem Höhepunkt der Kollektivierung, selbst nach den großzĂŒgigsten SchĂ€tzungen (unter Ausblendung von MehrfachzĂ€hlungen) maximal fĂŒnf Prozent der erwachsenen bĂ€uerlichen Bevölkerung sich an Protesten beteiligt haben. Von denen wiederum waren mehr als 90 Prozent friedlich, nur bei etwa einem Prozent der Aktionen handelte es sich tatsĂ€chlich um bewaffnete AufstĂ€nde. In den allermeisten FĂ€llen konnte der Unmut einfach durch ErklĂ€rungen, Überzeugung und ZugestĂ€ndnisse beschwichtigt werden. Auf der anderen Seite gab es auch viele Bauern, die die Kollektivierung aktiv unterstĂŒtzten und vorantrieben, und eine ĂŒberwĂ€ltigende Mehrheit, die sie zumindest akzeptierte und mit umsetzte.8

Die Kollektivierung war trotz ihrer Probleme insgesamt durchaus erfolgreich. Sie eliminierte die extrem ineffiziente Form der individuellen Bewirtschaftung kleiner Landstreifen, die bis dahin vorherrschend war. Sie ermöglichte die Mechanisierung und Verwendung besserer Anbaumethoden. Mit weniger Arbeitskraft konnte nun mehr Land bewirtschaftet werden, so dass die Migration von ArbeitskrĂ€ften in die StĂ€dte und damit die Industrialisierung möglich wurde. Das Landleben wurde revolutioniert, eine neue Art des Zusammenlebens und ein sozialistisches SelbstverstĂ€ndnis der Bauernschaft als einer wichtigen politischen Kraft wurden geschaffen. Und nicht zuletzt: Nach der Kollektivierung kam es nur noch im Kontext des Zweiten Weltkrieges zu einer Wiederholung von Hungersnöten. Nach 1947 waren sie endgĂŒltig Geschichte.

Diskreditierung und Mobilisierung

Beim »Holodomor« handelt es sich also um einen besonders dreisten Fall von GeschichtsfĂ€lschung, da jedes Detail des relativ gut erforschten Ereignisses der These eines gewollten »Völkermords« widerspricht. Erst recht gilt das, wenn man bedenkt, dass es durchaus andere historische Ereignisse gibt, die man als »Hungergenozid« bezeichnen könnte. So beispielsweise die Hungersnot von Bengalen 1943, als die britischen Kolonialherren den Tod von geschĂ€tzten 1,5 bis vier Millionen Menschen achselzuckend hinnahmen. Nichts dergleichen geschah in der Sowjetunion. Dennoch ist der erfundene ukrainische Völkermord viel bekannter als der tatsĂ€chliche Hungergenozid des britischen Kolonialismus. Der Grund dafĂŒr ist offensichtlich: LĂŒgen haben nur dann kurze Beine, wenn sie nicht von mĂ€chtigen Interessen unterstĂŒtzt werden. Der »Holodomor« aber erfĂŒllt mindestens eine dreifache politische Funktion: Erstens und vor allem geht es darum, das aus der Oktoberrevolution hervorgegangene System als mörderische und menschenverachtende Diktatur darzustellen und damit die Vision einer sozialistischen Gesellschaft, also der planmĂ€ĂŸigen Produktion und Verteilung der GĂŒter in einer Gemeinschaft der Gleichen, an sich zu diskreditieren. Zweitens wollen bestimmte Kreise mit dem »kommunistischen Völkermord« die Verbrechen der deutschen Faschisten und ihrer VerbĂŒndeten, insbesondere ihrer ukrainischen Hilfstruppen, relativieren, in den Hintergrund rĂŒcken oder gar als Reaktion auf den »stalinistischen Terror« darstellen. Und drittens schließlich ist der »Holodomor« ein nĂŒtzliches Propagandainstrument im Dienste des westlichen Imperialismus und der fanatisch antirussisch eingestellten Regierungen in Osteuropa, allen voran der ukrainischen. Russland wird als Nachfolgestaat eines genozidalen Systems angeprangert, um tief verwurzelte Vorurteile und Ängste der Bevölkerungen gegenĂŒber einem angeblich typisch russischen Despotismus zu mobilisieren. Das verfĂ€lschte Geschichtsbild des ukrainischen Nationalismus dient nicht zuletzt dem Kiewer Putschregime zur Rechtfertigung seiner Politik. Es bedarf wohl keiner großen Voraussicht, wenn man also davon ausgeht, dass uns die Legende vom »Holodomor« noch eine Zeitlang erhalten bleiben wird.

Anmerkungen:

1 Douglas Tottle: Fraud, Famine, and Fascism. The Ukrainian Genocide Myth from Hitler to Harvard, Toronto 1987, S. 7–12

2 Robert Conquest: The Harvest of Sorrow: Soviet Collectivization and the Terror-Famine, Oxford 1986

3 David Leigh: »Death of the Department That Never Was«, Guardian, 27.1.1978

4 Timothy Snyder: Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin, MĂŒnchen 2010

5 Robert W. Davies/Stephen G. Wheatcroft: The Years of Hunger. Soviet Agriculture 1931–33, London 2004

6 Mark B. Tauger: Natural Disaster and Human Actions in the Soviet Famine of 1931–1933, in: The Carl Beck Papers (2001), No. 1.506 und ders.: Soviet Peasants and Collectivization 1930–1939. Resistance and Adaption, in: Journal of Peasant Studies 31 (2004), No. 3/4, S. 445

7 Mark B. Tauger: Stalin, Soviet Agriculture, and Collectivisation, in: Frank Trentmann/Flemming Just (Hg.): Food and Conflict in Europe in the Age of the Two World Wars, Basingstoke 2006, S. 109–142

8 Mark B. Tauger: Soviet Peasants and Collectivization, a. a. O.


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NEUER BEITRAG12.06.2022, 23:54 Uhr
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FPeregrin

Zu Erfindung und Funktion des 'Holodomor' Und da ist es jetzt auch aktuell: Das MĂ€rchen als ideologiscge Kriegswaffe des deutschen Imperialismus - jW morgen:

»Holodomor« laut GrĂŒnen-Chef Genozid

Berlin. Der GrĂŒnen-Kovorsitzende Omid Nouripour hat sich dafĂŒr ausgesprochen, die Hungersnot in der Ukraine zwischen 1932 und 1933 – den sogenannten Holodomor – als Genozid einzustufen. »Die Anerkennung dieses grausamen Verbrechens wĂ€re ein wichtiges Signal der Empathie und des Geschichtsbewusstseins in Richtung der Menschen in der Ukraine«, sagte Nouripour den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Sonnabend). Das ukrainische Wort Holodomor steht fĂŒr »Mord durch Hunger«. Es bezeichnet eine große Hungersnot, von der immer wieder behauptet wird, die politische FĂŒhrung der damaligen Sowjetunion unter Josef Stalin habe sie gezielt verursacht. (dpa/jW)


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NEUER BEITRAG25.11.2022, 21:51 Uhr
EDIT: FPeregrin
28.11.2022, 13:08 Uhr
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Zu Erfindung und Funktion des 'Holodomor' ... und so geht es dann folgerichtig weiter - jW morgen:

Geschichtsrevisionismus

Parlament der Historiker

Am Mittwoch soll der Bundestag beschließen: Die Hungersnot 1932/33 in der Sowjetunion war ein Völkermord an der Ukraine

Von Arnold Schölzel

Hintergrund: Geschichtspolitik

Unter dem ukrainischen PrĂ€sidenten Leonid Kutschma wurde 1998 ein nationaler Gedenktag fĂŒr die Opfer der Hungerkatastrophe von 1932/33 eingefĂŒhrt und unter seinem Nachfolger Wiktor Juschtschenko, der durch eine »Farbenrevolution« 2004 an die Macht gekommen war, 2006 das Geschehen vor 90 Jahren per Gesetz zum Genozid am ukrainischen Volk erklĂ€rt. Juschtschenko bemĂŒhte sich weltweit um die Anerkennung des Völkermords.

Unter ihm, der auch den faschistischen Kollaborateur Stepan Bandera zum Nationalhelden erklĂ€rte, wuchs die Zahl der Publikationen zum Thema »Holodomor« rasch. 2008 wurde in Kiew das »Nationale Museum des Holodomor-Genozids« eingerichtet. Bis 2017 wurden in der Ukraine 7.000 DenkmĂ€ler und GedenkstĂ€tten fĂŒr die Opfer errichtet.

Auf dem Staatsgebiet der heutigen Ukraine wurden rund eineinhalb Millionen Juden von Wehrmacht, SS und einheimischen Kollaborateuren wie Banderas Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) ermordet. Die Erinnerung an den Judenmord spielte in der Ukraine jedoch lange keine Rolle – die an die 27 Millionen Toten der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg amtlich ohnehin nicht. Zwar gedachte 1991 die Regierung am 50. Jahrestag des Massakers von Babyn Jar in einer ErklĂ€rung der »Massenvernichtung sowjetischer BĂŒrger, vor allem Juden, durch faschistische deutsche Invasoren«. Aber zur Errichtung von HolocaustgedenkstĂ€tten in Charkiw (1996), Odessa (2009) und Dnipro (2012) »kam es nur dank privater Initiativen« (FAZ).

Der Internationalen Allianz zum Holocaustgedenken ist die Ukraine nicht beigetreten. Die Judenvernichtung ist bis heute kein Bestandteil der Kiewer Geschichtspolitik.

Am Freitag erklĂ€rte der ukrainische ParlamentsprĂ€sident Ruslan Stefantschuk im FAZ-Interview zum Holodomor: »Es war eine der grĂ¶ĂŸten Tragödien in der Geschichte der Menschheit.« Im Anschluss forderte er mehr deutsche Waffen fĂŒr den Krieg gegen Russland. (as)


Je weniger der Waffen- und Wirtschaftskrieg gegen Russland die erwĂŒnschten Resultate bringt, desto intensiver und irrationaler wird der ideologische Feldzug gegen Moskau. Der Bundestag, der mit seinem »Standortauswahlgesetz« fĂŒr die Endlagerung von hochradioaktivem AtommĂŒll bereits seine Unfehlbarkeit in Physik und Geologie unter Beweis gestellt hat und zuversichtlich einen »Nachweiszeitraum von einer Million Jahre« fĂŒrs MĂŒllager beschloss, soll nun auch seine Kompetenz in Geschichte unter Beweis stellen. Genauer: Die soll umgeschrieben werden zugunsten einer zuerst von der Propaganda des deutschen Faschismus erzĂ€hlten Version, wonach die Hungersnot in der Sowjetunion von 1932 und 1933 ein gezielter Vernichtungsversuch der sowjetischen FĂŒhrung gegen die Ukraine gewesen sei – der »Holodomor«. Dem stehen zwar die Tatsachen entgegen, aber die mit Nazideutschland kollaborierenden ukrainischen Nationalisten und Faschisten ĂŒbernahmen die ErzĂ€hlung. Seit 1991 ist sie GrĂŒndungsmythos der wieder kapitalistischen Ukrai­ne.

Bandera als Nationalheld

Nun soll der Bundestag einer Forderung Kiews nachkommen und, wie dpa am Freitag meldete, »die vor 90 Jahren von Sowjetdiktator Josef Stalin gezielt herbeigefĂŒhrte Hungersnot in der Ukraine« mit den Stimmen der Koalition und der Union als Völkermord anerkennen. Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und dem Spiegel lagen demnach ein gemeinsamer Antrag von SPD, BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen, FDP und CDU/CSU vor. Der Entwurf soll am Mittwoch im Bundestag beraten und beschlossen werden.

Das ist geschichtswissenschaftlich konsequent, zumal ein Land wie die Ukraine, das Stepan Bandera zum Nationalhelden gemacht hat, den Antisemiten, Polen- und Russenmörder mit DenkmĂ€lern und Straßennamen ehrt, sich geschichtspolitisch nicht irren kann. Zwar erfasste die Hungersnot 1932 große Teile der Sowjetunion von der Ukrai­ne im Westen bis nach Kasachstan im Osten und kostete ungefĂ€hr sieben Millionen Tote. Die Sterberate war in Kasachstan am höchsten. Dort starb mit 1,5 Millionen Menschen etwa ein Drittel der Bevölkerung, in der Ukraine waren es mehr als 3,5 Millionen. Allein die Ukraine besteht allerdings darauf, analog dem »Holocaust« einem Vernichtungsfeldzug der sowjetischen FĂŒhrung zum Opfer gefallen zu sein. Bereits 2019 forderte der damalige ukrainische PrĂ€sident Petro Poroschenko von Israel eine Gleichsetzung beider Ereignisse und erntete böse Kommentare. Wolodimir Selenskij verlangte kurz nach seiner Wahl zum ukrainischen PrĂ€sidenten 2019 dasselbe – ohne Resonanz. Als er auch noch am 20. MĂ€rz 2022 wĂ€hrend einer Videoansprache in der Knesset das russische Eingreifen in den seit 2014 in der Ukraine stattfindenden Krieg mit der von Nazideutschland geplanten Vernichtung des jĂŒdischen Volkes wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs gleichsetzte, kam ein empörtes Echo. Die Schoah-GedenkstĂ€tte Yad Vashem kritisierte, unverantwortliche Äußerungen wie jene des ukrainischen PrĂ€sidenten wĂŒrden die Tragödie der Schoah trivialisieren.

GrĂŒne Initiatoren

Dabei macht unter FĂŒhrung von BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen nun auch das deutsche Parlament mit. Der Spiegel zitiert aus dem Antrag: »Betroffen von Hunger und Repressionen war die gesamte Ukraine, nicht nur deren getreideproduzierende Regionen.« Die Initiatoren um den GrĂŒnen-Abgeordneten Robin Wagener, Vorsitzender der deutsch-ukrainischen Parlamentariergruppe im Bundestag, schreiben weiter: »Damit liegt aus heutiger Perspektive eine historisch-politische Einordnung als Völkermord nahe. Der Deutsche Bundestag teilt eine solche Einordnung.« Weiter heißt es in dem Resolutionsentwurf laut FAZ, der »Holodomor« reihe sich ein »in die Liste menschenverachtender Verbrechen totalitĂ€rer Systeme, in deren Zuge vor allem in der ersten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts in Europa Millionen Menschenleben ausgelöscht wurden«. Das Verbrechen sei »Teil unserer gemeinsamen Geschichte als EuropĂ€erinnen und EuropĂ€er«. Und: »Der massenhafte Hungertod war keine Folge von Missernten, sondern von der politischen FĂŒhrung der Sowjetunion unter Josef Stalin verantwortet.« Sowie: »Der Holodomor stellt damit ein Menschheitsverbrechen dar.« Es sei aber in Deutschland und der EU bisher wenig bekannt. Die Bundesregierung sei aufgefordert, zur Verbreitung des Wissens darĂŒber und zum Gedenken an dessen Opfer beizutragen. Zudem solle sie »jeglichen Versuchen, einseitige russische historische Narrative zu lancieren, weiterhin entschieden entgegenwirken«. Laut dpa signalisierten Außenministerin Annalena Baerbock (BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen) und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), sie seien »sehr positiv« zu dem Antrag eingestellt.
Wagener erklĂ€rte der Zeitung zufolge, der russische PrĂ€sident Wladimir Putin stehe »in der grausamen und verbrecherischen Tradition Stalins«. Heute werde die Ukraine erneut mit russischem Terror ĂŒberzogen. »Erneut sollen durch Gewalt und Terror der Ukraine die Lebensgrundlagen entzogen, das gesamte Land unterworfen werden.«

Bis zum Beginn dieses Jahres hatten etwa 15 Staaten diese Einstufung als Völkermord akzeptiert, darunter Australien, Ecuador, Estland, Georgien, Kanada, Lettland, Litauen, Mexiko, Peru, Polen, Portugal, Ungarn und der Vatikan. Eine entsprechende Resolution wurde 2008 vom US-ReprÀsentantenhaus verabschiedet, im April 2022 schloss sich das tschechische Parlament an. Am Donnerstag folgten Irland, die Republik Moldau und RumÀnien.


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Der Titel "Parlament der Historiker" zeigt sehr schön, was der philosophische Kern dieser Übung ist: Eine - wie auch immer zusammengekommene - 'Mehrheit' entscheidet ĂŒber sachliche Richtigkeit. Das ist #Wissenschaftsfeindlichkeit und #Antiaufklaerung pur! Die theoretischen BegrĂŒndungen fĂŒr dergleichen Enthirnung liegen im #Pragmatismus und in der #Postmoderne. Dieses GesĂŒlze war schon in den 80ern sowas von hipp, daß es tief im kollektiven "Bewußtsein" - haha! - der metropolitanen Linken verankert ist. Der Klassenfeind kann uns danach wirklich jedes MĂ€nnchen machen und durch jeden brennenden Reifen springen lassen. In der Bekenntnisformel vom "völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Rußland gegen die Ukraine" begegnet uns dasselbe, obwohl es sachlich nicht richtig ist. Werden lustige Zeiten ...

#DrohenderFaschismus
#FaschistischeGefahr
NEUER BEITRAG25.11.2022, 21:56 Uhr
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FPeregrin

Zu Erfindung und Funktion des 'Holodomor' Ebd.:

Absurde Faktenverdrehung

Zur Anerkennung der Hungerkrise in der Ukraine 1932/33 als »Völkermord«. Gastbeitrag des russischen Botschafters in der Bundesrepublik, Sergej J. Netschajew

Von Sergej J. Netschajew

Sergej J. Netschajew ist Außerordentlicher und BevollmĂ€chtigter Botschafter der Russischen Föderation in der Bundesrepublik Deutschland

Mit großem Bedauern und Befremden haben wir der deutschen Presse entnommen, dass einige Bundestagsabgeordnete dazu aufrufen, die massenhafte Hungersnot, die zu Beginn der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts in der UdSSR herrschte, als Genozid am ukrainischen Volk anzuerkennen. Ein Narrativ, das schlichtweg antihistorisch und wahrheitswidrig ist sowie dem gesunden Menschenverstand widerspricht.

Aus historischen Dokumenten wird ersichtlich, dass infolge der Hungersnot, die 1932/1933 große Teile der UdSSR traf, sieben Millionen Menschen, darunter zirka 2,5 Millionen im russischen Kernland und 1,5 Millionen auf dem Gebiet Kasachstans, starben. Der Hunger war massenhaft und suchte sich seine Opfer nicht aus. Er begann mit einer starken DĂŒrre und daraus resultierender Missernte, mit denen außerordentliche Maßnahmen der Sowjetregierung im Rahmen der Zwangskollektivierung einhergingen. Diese harten Maßnahmen wurden in ausnahmslos allen Agrargebieten der UdSSR umgesetzt. Infolgedessen wurden von der Hungersnot nicht nur die Ukraine, sondern auch der SĂŒden Weißrusslands, die untere Wolga, Kasachstan, das Dongebiet, das Kubangebiet, der Nordkaukasus, der SĂŒdural und Westsibirien betroffen. Es waren nicht nur Ukrainer, die hungerten und starben, sondern auch Russen, Belarussen, Tataren, Baschkiren, Kasachen, Tschuwaschen, Wolgadeutsche sowie andere Völker.

Den Entwicklungen, die zur Hungersnot fĂŒhrten, lagen verschiedene Motive zugrunde: der Klassenkampf gegen wohlhabende Bauern (die »Kulaken«), die angestrebte Vereinnahmung der Landwirtschaft durch den Staat, die Finanzierung auslĂ€ndischer Kredite, die fĂŒr den Ankauf von Industrieanlagen aus dem Ausland aufgenommen wurden, die Versorgung der zunehmenden Stadtbevölkerung angesichts eines drastischen RĂŒckgangs des Getreideanbaus. Es ist unstrittig, dass sich mit dem Tod von Millionen Menschen landesweit eine erschreckende Tragödie ereignete. Dennoch ist es auch offensichtlich, dass die Wegnahme von Getreide in den BauernhĂ€usern nicht das Ziel hatte, eine besondere nationale Gruppe, u. a. die Bevölkerung der Ukraine, mutwillig zu vernichten, die zudem nicht monoethnisch, sondern stets multinational war.

Multinational besetzt war auch die Sowjetregierung. Es ist absurd, ihr den Hass gerade gegen die Ukraine vorzuwerfen. Bekannt ist ebenfalls, dass auch in der Ukraine ein hĂ€ufiger Grund fĂŒr Exzesse bei der Umsetzung der Anweisungen aus der Zentrale ĂŒbermĂ€ĂŸiger Eifer örtlicher Stellen war.

Die Fehler und tragischen Konsequenzen der Hungersnot in der UdSSR wurden bereits 1933 offiziell zugegeben. Die Sowjetregierung organisierte eine großangelegte Nahrungsmittelhilfe fĂŒr Regionen, die am hĂ€rtesten vom Hunger betroffen waren, die Ukraine inklusive.

Dass man die fĂŒr zahlreiche Völker der UdSSR gemeinsame Tragödie der Hungersnot zu Beginn der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts als eine gezielte Ausmerzung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe aufgrund ihrer ethnischen (ukrainischen) Zugehörigkeit darstellt und dabei millionenfache Opfer anderer NationalitĂ€ten ĂŒbersieht, ist unvertretbar und unanstĂ€ndig. Mit diesem Narrativ, das mit ObjektivitĂ€t nichts zu tun hat, verfolgt man das Ziel, antirussische Stimmungen zu schĂŒren und in diesem Sinne die Geschichte aktiv und russophob zu revidieren.


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NEUER BEITRAG26.11.2022, 14:16 Uhr
EDIT: FPeregrin
28.11.2022, 13:10 Uhr
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FPeregrin

Zu Erfindung und Funktion des 'Holodomor' Und zeitgleich zu dieser bösartigen Narrenposse wird dann folgerichtig ein wenig "Wissenschaft" gespielt - Spektrum heute:
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"Heute ist unbestritten, dass der Holodomor eine von Josef Stalin (1878–1953) herbeigefĂŒhrte Katastrophe und eine Folge seiner »Revolution von oben« war." - Allein dieser Satz - Kernaussage: "ist unbestritten" - ist erwiesenermaßen sachlich falsch! Er paßt aber zur zur Mode gewordenen Masche des "Faktensetzens", die möglich geworden ist, weil sich die postmoderne Matschbirne lieber mit dem Gewese um "Konstruktion" und "Dekonstruktion" von "Narrativen" und u. dgl. m. befaßt als um die Erforschung der materiellen Wirklichkeit selbst. Solchen alt-aufklĂ€rerischen Kram machen wir doch heute nicht mehr!

Es bleibt dabei:
#BankrottDesBuergerlichenWissenschaftsbetriebs
NEUER BEITRAG26.11.2022, 14:34 Uhr
EDIT: FPeregrin
26.11.2022, 14:36 Uhr
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FPeregrin

P.S.: Nur aus der Erinnerung, die aber bei sowas stÀndig hochschwappt: Im 3. Indiana-Jones-Film ("Indiana Jones und der letzte Kreuzzug") sagt Vater Jones zu Indy: "Das nennst du nun Wissenschaft, mein Sohn?!" 1989 durfte man das noch sagen, ... zumindest im Kino!
NEUER BEITRAG29.11.2022, 21:25 Uhr
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FPeregrin

Zu Erfindung und Funktion des 'Holodomor' Sevim Dagdelens Gastkommentar in der jW von morgen:

Geistige Mobilisierung

»Holodomor«-Resolution des Bundestags. Gastkommentar

Von Sevim Dagdelen

Sevim Dagdelen ist Mitglied des Bundestags fĂŒr die Partei Die Linke

Eine ĂŒbergroße Koalition des Bundestages, bestehend aus Ampel und Union, will am Mittwoch beschließen, dass die Hungersnot der Jahre 1932/33 in der Ukraine ein Völkermord gewesen sei. Liest man den Antragsentwurf, wird schnell klar: Es geht nicht um das damalige Leid der Hungertoten. Es geht vielmehr um die geistige Mobilmachung gegen Russland heute.

Die ĂŒberwĂ€ltigende Mehrheit der Historiker zweifelt nicht daran, dass die Hungersnot durch politische Entscheidungen der sowjetischen FĂŒhrung planvoll verschĂ€rft worden ist. Aber sie zweifelt am Genozidcharakter. Genau aus diesem Grund hat der Bundestag im Jahr 2017 noch eine Petition abgelehnt, die den »Holodomor« als Genozid anerkannt wissen wollte. Es spreche doch »einiges dagegen«, und es liege »nicht im Ermessen des Petitionsausschusses«, ĂŒber eine in der Geschichtswissenschaft strittige Frage zu entscheiden, befand das Parlament damals, mit den Stimmen auch derjenigen, die das heute anders entscheiden wollen. Noch im FrĂŒhjahr 2022 fasste der Petitionsausschuss in einer vorlĂ€ufigen Beschlussempfehlung zusammen, dass die EinschĂ€tzung, ob der Holodomor die Merkmale eines Völkermordes erfĂŒlle, weiterhin umstritten sei.

Die Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft haben sich seit diesen Beratungen nicht geÀndert. Dennoch gehen die Antragsteller sogar so weit, den Holodomor »in die Liste menschenverachtender Verbrechen totalitÀrer Systeme« einzureihen. Damit machen sie en passant auch die Schoah und den faschistischen Vernichtungskrieg zum Teil einer »Liste« und relativieren so die SingularitÀt des Holocaust.

In erschreckender Weise wird mit der Genozidfeststellung das Narrativ ukrainischer Nationalisten ĂŒbernommen, offenbar, wie es so treffend im Antrag heißt, um einseitigen russischen Narrativen entschieden entgegenzuwirken. Die Erkenntnisse einer ĂŒberwiegenden Mehrheit der Historiker werden bewusst ignoriert, so auch israelische Narrative, nicht zuletzt des Simon-Wiesenthal-Zentrums. Israel lehnt die Einstufung als Genozid ab, da er keine »Vernichtung anhand ethnischer Kriterien« gewesen sei und sieht den Holodomor als »grĂ¶ĂŸte Tragödie des ukrainischen Volkes« an. Laut Simon-Wiesenthal-Zentrum wĂŒrde eine solche Wertung den Holocaust relativieren.

Die geschichtspolitischen Feststellungen der Antragsteller werden in direkten Zusammenhang zur Lieferung von immer mehr und immer schwereren Waffen an die Ukraine durch die Bundesregierung gerĂŒckt. Ganz explizit wird gefordert, die Ukraine »im Rahmen der zur VerfĂŒgung stehenden Haushaltsmittel (
) militĂ€risch zu unterstĂŒtzen«, als wĂ€re der heutige Krieg die Fortsetzung einer einst verlorenen Schlacht.


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Und: Es ist ein Unterschied, ob eine solchen Position im BT noch möglich ist oder schon nicht mehr. Und dies ist aktuell abhĂ€ngig von dem Überleben oder der (Selbst-)Zerlegung der Partei #DieLinke. Punkt.
NEUER BEITRAG01.12.2022, 12:12 Uhr
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Zu Erfindung und Funktion des 'Holodomor' jW:

Online Extra
30.11.2022, 19:47:33 / Inland
Geschichtspolitik

Suche nach dem zweiten Auschwitz

Bundestag stuft Hungersnot als Genozid ein. CDU-Mann: »Es wurde systematisch selektiert«. Gysi gegen »Gleichstellung« von Hitler und Stalin

Von Nico Popp

Der Bundestag hat am Mittwoch abend per Mehrheitsbeschluss die Hungerkatastrophe in mehreren Teilrepubliken der UdSSR in den Jahren 1932 und 1933 als gegen das ukrainische Volk gerichteten Genozid eingestuft. Der entsprechende Antrag war von den drei Regierungsfraktionen und der Unionsfraktion eingebracht worden. In Anwesenheit des ukrainischen Botschafters Oleksij Makejew und des stellvertretenden ukrainischen Außenministers Andrij Melnyk stimmten die Abgeordneten von SPD, GrĂŒnen, FDP und Unionsparteien fĂŒr den Antrag. Die Abgeordneten von Die Linke und AfD enthielten sich. Es gab keine Gegenstimmen.

»Aus heutiger Perspektive« liege »eine historisch-politische Einordnung als Völkermord nahe«, heißt es in dem beschlossenen Antrag. Der Bundestag »teilt eine solche Einordnung«. Der »Holodomor« reihe sich ein »in die Liste menschenverachtender Verbrechen totalitĂ€rer Systeme, in deren Zuge vor allem in der ersten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts in Europa Millionen Menschenleben ausgelöscht wurden«.

Die Antragsteller haben den »Holodomor«-Beschluss direkt mit aktuellen außenpolitischen Fragen verknĂŒpft. In dem Dokument wird die Bundesregierung aufgefordert, »die Ukraine als Opfer des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs Russlands und der imperialistischen Politik Wladimir Putins im Rahmen der zur VerfĂŒgung stehenden Haushaltsmittel weiterhin politisch, finanziell, humanitĂ€r und militĂ€risch zu unterstĂŒtzen«.

Vor der Beschlussfassung fand eine etwa dreiviertelstĂŒndige Aussprache zu dem Antrag statt. Robin Wagener (GrĂŒne), Vorsitzender der deutsch-ukrainischen Parlamentariergruppe, stellte fest, »der Horror« habe »seine Ursache im Kreml« gehabt. Es sei um die UnterdrĂŒckung des ukrainischen Nationalbewusstseins, von Sprache und Kultur gegangen. Man sehe hier die »brutale Wahrheit stalinistischer Gewalt«. Zweck des Antrags sei allerdings nicht, die deutschen Verbrechen in der Sowjetunion zu relativieren.

Der CDU-Abgeordnete Michael Brand behauptete, die Ukraine sei von der sowjetischen FĂŒhrung zum Opfer eines Völkermordes gemacht worden. »Es wurde systematisch selektiert«, so Brand. »Nie wieder darf weder in deutschem noch im russischen Namen geschehen, was durch den Holodomor und die Nazis an Massenmord in der Ukraine begangen wurde«, sagte der Abgeordnete. Das sei die »Lehre der eigenen deutschen Geschichte«. Brand beschwerte sich darĂŒber, dass kein einziger Bundesminister anwesend sei und beendete seine Rede mit dem ukrainischen Nationalistengruß »Slawa Ukrajini«.

Die SPD-Abgeordnete Gabriela Heinrich gab sich ĂŒberzeugt, dass das »ungeheure Verbrechen« nicht auf Missernten zurĂŒckzufĂŒhren sei. Der Bevölkerung sei das Essen einfach weggenommen worden. Ziel sei die UnterdrĂŒckung des ukrainischen Nationalbewusstseins gewesen; es handele sich um eine gewollte und geplante Hungersnot.

FĂŒr die AfD nutzte der Abgeordnete Marc Jongen die von der Ampel und der Union geschaffene gĂŒnstige Gelegenheit zu einem kleinen geschichtsrevisionistischen Rundumschlag. Den »Holodomor« nannte Jongen eines der großen Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts. Lenin habe das 1922 bereits »angekĂŒndigt«. Die Lehre mĂŒsse sein, dass die »sozialistische Ideologie« abzulehnen und zu bekĂ€mpfen sei, wo immer sie »in neuer Verkleidung ihr scheußliches Haupt erhebt«. Das gelte fĂŒr die »nationalsozialistische Variante« wie auch fĂŒr die »internationale Variante«, die sich hinter »wohlklingenden Parolen« wie »Gerechtigkeit oder Fortschritt versteckt«. Die AfD habe vor drei Jahren ĂŒber den »Holodomor« informiert, damals habe es aber kaum jemanden interessiert. Das »linkslastige politische Establishment« habe bei »Verbrechen im kommunistischen Machtbereich« jahrzehntelang weggeschaut. Man komme ja auch bei dem »Gedenken an die SED-Verbrechen« nicht recht voran. Jongen wandte sich im weiteren Verlauf seiner Rede gegen die »Instrumentalisierung der Geschichte« im Kontext des Ukraine-Krieges; die AfD lehne das ab.

Der FDP-Abgeordnete Ulrich Lechte sah in dem »Massenmord« eine Strafe fĂŒr den Widerstand gegen die Zwangskollektivierung und fĂŒr die Ablehnung der sowjetischen Herrschaft. Die Hungerkatastrophe sei »politisch kĂŒnstlich herbeigefĂŒhrt« und »systematisch durchgefĂŒhrt« worden.

FĂŒr die Fraktion Die Linke sprach Gregor Gysi. »Terroristische Industrialisierung und Zwangskollektivierung« seien ein »schlimmes Verbrechen« gewesen. Stalin habe sich freilich gegen alle gewendet, die diese »terroristische Industrialisierung und Zwangskollektivierung« abgelehnt haben – also nicht nur gegen Ukrainer. Der Petitionsausschuss des Bundestages habe 2017 festgestellt, dass manches gegen eine Einstufung des »Holodomor« als Völkermord spreche. Auch der Europarat habe das abgelehnt. Beim Lesen des vorliegenden Antrages erhalte man den Eindruck einer »Gleichstellung« von Hitler und Stalin. In Deutschland aber solle man die »Suche nach einem zweiten Hitler und nach einem zweiten Auschwitz aufgeben«. Gysi verwies darauf, dass die Außenministerin Russland soeben einen Zivilisationsbruch vorgehalten habe - »ein Begriff, der bislang ausschließlich fĂŒr die Shoah angewandt wurde«. Das sei »mehr als bedenklich«. Die Linke verurteile das Verbrechen, könne also nicht gegen diesen Antrag stimmen. Die Kritik verbiete auch eine Zustimmung. Man enthalte sich deshalb.


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NEUER BEITRAG01.12.2022, 20:00 Uhr
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FPeregrin

Zu Erfindung und Funktion des 'Holodomor' jW morgen:

Mit Melnyk im Plenarsaal

Der »Holodomor«-Beschluss des Bundestages. Über die HintergrĂŒnde einer interessengeleiteten historischen ErzĂ€hlung

Von Reinhard Lauterbach

Ginge es nur um historische Erkenntnis, könnte man den Beschluss des Bundestages, die Hungersnot in der Ukraine wĂ€hrend der Kollektivierung Anfang der 1930er Jahre (nachfolgend auch: »Holodomor«) als »Genozid« einzustufen, ignorieren. Denn zur KlĂ€rung dessen, was passiert ist, trĂ€gt er nichts Neues bei, und was er beitrĂ€gt, ist eine moralisierende Einordnung, durch die man auch nicht klĂŒger wird. Solcher gedankliche Mummenschanz ist kein Zufall. Die Demokratie als »Legitimation durch Verfahren« (Niklas Luhmann) hat sich mit dem Mehrheitsprinzip ein Kriterium fĂŒr Entscheidungen gewĂ€hlt, das sich von Inhalten irgendeiner Art unabhĂ€ngig macht. Papier ist geduldig, und beschließen kann man alles, wofĂŒr man eine Mehrheit findet. Das Parlament der Republik Polen hat vor ein paar Jahren auch schon einmal die Jungfrau Maria als Königin Polens anerkannt,Âč ohne dass irgend jemand hierin den Staatsstreich gewittert hat, der dieser Beschluss objektiv gewesen wĂ€re, wenn man ihn ernstgenommen hĂ€tte.

Aber etwas mehr als ein beliebiger Unsinn ist dieser Beschluss natĂŒrlich schon. Er ist – und soll es sein – eine politische Solidarisierung mit einer Ideologie, die in der Ukraine den Charakter der zentralen Herrschaftslegitimation angenommen hat, obwohl ihre Argumentationsgrundlage zumindest erhebliche Zweifel weckt. Die Ukrainer seien Anfang der 1930er Jahre Opfer eines sowjetisch-russischen Genozidversuchs geworden, so die ErzĂ€hlung. Bebildert wird diese Behauptung mit der tatsĂ€chlich hohen Zahl der Opfer, die die Kollektivierung in den sowjetischen Dörfern forderte, darunter auch in der Ukraine. Die meisten Autoren gehen von sieben bis acht Millionen durch Gewalt oder Hunger getötete Menschen in den Agrarregionen der Sowjetunion aus, darunter etwa die HĂ€lfte in der Ukrainischen Sowjetrepu­blik. Aber eben bei weitem nicht nur dort.

Beschleunigte Kollektivierung

Diese hohe Zahl an Opfern lĂ€sst sich erklĂ€ren, auch ohne dass man dafĂŒr die Vermutung eines antiukrainischen Komplotts der (als russisch unterstellten, faktisch durchaus multinationalen) SowjetfĂŒhrung bemĂŒhen mĂŒsste. Der Mainstream der historischen Forschung unterstellt, dass die sowjetische FĂŒhrung den Beschluss des Jahres 1928, die Landwirtschaft beschleunigt zu kollektivieren (also die Agrarrevolution der Jahre 1917 bis 1920 zurĂŒckzunehmen, der die Bolschewiki in der frĂŒhen Phase ihrer Herrschaft immerhin den Sieg ihrer Revolution verdankten, weil die Bauern dem zaristischen und bĂŒrgerlichen System die Gefolgschaft verweigerten und sich statt dessen Landanteile sicherten), aus im wesentlichen drei Motiven heraus fasste:

Erstens, den Aufwand fĂŒr die Industrialisierung des Landes auf Kosten der Dorfbevölkerung zu finanzieren; Stalin selbst hat diese Überlegung damit verglichen, den Bauern eine »Industrialisierungsrente« abzuverlangen Ă€hnlich derjenigen, mit der die kapitalistischen Industriestaaten ihre ursprĂŒngliche Akkumulation durch die Extraausbeutung der Kolonien und ihrer Bewohner finanziert hatten: eine Phase »ungleichen Tausches« mit dem Ziel, die UdSSR industriell zu entwickeln und dadurch auch zur Abwehr imperialistischer Angriffe zu befĂ€higen. Die Ukrai­ne war zu diesem Zeitpunkt das wichtigste GetreideĂŒberschussgebiet der Sowjetunion – die Urbarmachung des Kaukasusvorlands und der östlichen AuslĂ€ufer der Schwarzerderegion in Kasachstan stand erst noch bevor. Damals war in der Ukraine schlicht das meiste fĂŒr die staatlichen Ziele zu holen, deshalb wurde sie zwangslĂ€ufig auch zu einer Schwerpunktregion der Repression gegen den Widerstand der bĂ€uerlichen Bevölkerung gegen ihre faktische Enteignung.

Denn der zweite Aspekt der Kollektivierung bestand darin, dass sie eine Reihe von WidersprĂŒchen der 1921 von Lenin proklamierten »Neuen Ökonomischen Politik« (NÖP) gewaltsam auflösen sollte. Die NÖP hatte faktisch die Wiederzulassung des Kapitalismus in Landwirtschaft und Leichtindustrie bedeutet. 1921 war das eine aus der wirtschaftlichen ZerrĂŒttung nach dem BĂŒrgerkrieg geborene Notmaßnahme gewesen, ausgelöst auch vom beharrlichen Widerstand der Bauern gegen die Getreidekonfiskationen zugunsten von StĂ€dten und Armee. Im Zuge der 1920er Jahre brachte sie neue (bzw. alte) Klasseninteressen hervor: die der PrivateigentĂŒmer in Landwirtschaft, Kleinhandel und Leichtindustrie, also den konsumnahen Branchen der sowjetischen Wirtschaft. Diese sozialen Interessen liefen denen der zentralen Industrialisierungsplanung zuwider. Bauern verhielten sich zu ihren Produkten wie die EigentĂŒmer, die sie waren, das bedeutete auch, dass sie sie verkauften, wenn es ihnen profitabel erschien, und dies unterließen, wenn ihnen die staatlichen Aufkaufpreise zu niedrig waren. Sie mussten aber niedrig – also aus Sicht der Bauern nicht kostendeckend – sein, wenn mit ihnen das politisch vorgegebene Ziel erreicht werden sollte, Mittel fĂŒr die Industrialisierung zu beschaffen. Als Folge geriet das andere Ziel in Gefahr, um dessentwillen die Bolschewiki den privaten Handel der Bauern wieder zugelassen hatten: die Versorgung der Industrieregionen und der Arbeiterklasse als ihrer sozialen HauptstĂŒtze zu garantieren. Sie ließ sich eben nicht garantieren, solange man das Interesse der aus der Agrarrevolution ohne Zutun der Bolschewiki hervorgegangenen und durch die NÖP gesetzlich anerkannten privaten Parzellenbauern politisch gelten ließ.

Damit stellte sich drittens die Frage, wie lange auf dieser Grundlage die Herrschaft der Bolschewiki als Partei noch aufrechtzuerhalten sein wĂŒrde. Wenn Stalin die »Rechtsabweichler« um Nikolai Bucharin, die dafĂŒr eintraten, die NÖP laufen zu lassen und der Sowjetwirtschaft ein gemĂ€ĂŸigteres und eher an den KonsumbedĂŒrfnissen der Bevölkerung orientiertes Wachstum zu erlauben, als Gefahr fĂŒr die Herrschaft der Bolschewiki ausmachte, war das nicht völlig aus der Luft gegriffen. Es wĂ€re tatsĂ€chlich wahrscheinlich frĂŒher oder spĂ€ter auf die Notwendigkeit eines Klassenkompromisses mit den Bauern und den sonstigen sozialen Nutznießern der NÖP hinausgelaufen – genau das, was Lenin in seinen Reden und Schriften zur EinfĂŒhrung der NÖP als drohende Gefahr erkannt hatte, die die Partei aber, so seine Überzeugung, neutralisieren könne, wenn sie die politische Kontrolle fest in der Hand behalte.

Die »Scherenkrise« der spĂ€ten 1920er Jahre (der Umstand, dass die Preise fĂŒr Industrieprodukte bestĂ€ndig stiegen, wĂ€hrend landwirtschaftliche GĂŒter immer niedriger vergĂŒtet wurden) demonstrierte der sowjetischen FĂŒhrung, dass das so einfach nicht war. Von daher gewann der Gedanke, den gordischen Knoten widerstreitender Klasseninteressen lieber frĂŒher als spĂ€ter zu durchschlagen, an PlausibilitĂ€t. Dass dies einen neuen BĂŒrgerkrieg lostreten könnte, war fĂŒr niemanden in der ParteifĂŒhrung eine Überraschung; die passende Theorie ĂŒber den im Verlaufe des Aufbaus des Sozialismus angeblich immer schĂ€rfer werdenden Klassenkampf war schnell postuliert, und das fĂŒr den Sieg in diesem neuen BĂŒrgerkrieg absehbar erforderliche Maß an Gewalt gegen einen Teil der eigenen Gesellschaft, den man noch vor kurzem als VerbĂŒndeten der Arbeiterklasse hofiert hatte, bereitete den ĂŒberlieferten Quellen zufolge nur wenigen in der ParteifĂŒhrung Probleme, schon gar keine moralischen. Alle Beteiligten hatten den ersten BĂŒrgerkrieg mitgemacht und waren ĂŒberzeugt, dass dies eben die Regeln des politischen Kampfes seien. Man kann dies im nachhinein bedauern oder kritisieren, aber solche Kritik bleibt moralisch, solange nicht erkannt wird, dass der Handlungs- und Vorstellungsraum der damaligen politischen Akteure eben durch die Gewalterfahrung von Revolution und BĂŒrgerkrieg geprĂ€gt worden war.


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NEUER BEITRAG01.12.2022, 20:03 Uhr
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Keine Beweise

All dies ist in der russischen und auch internationalen Forschung umfassend diskutiert worden. Die fĂŒhrende Studie dazu stammt von dem an der russischen UniversitĂ€t Penza lehrenden Historiker Wiktor Kondraschin,ÂČ und die Überzeugungskraft des ukrainischen Narrativs könnte insbesondere durch die Tatsache geschmĂ€lert werden, dass dieses gut 500 Seiten starke Werk 2008 unter Schirmherrschaft der inzwischen in Russland verbotenen, antisowjetischen NGO »Memorial« und im Verlag des »Jelzin-Zentrums« in Jekaterinburg herausgegeben wurde, also von aus westlicher Sicht »guten« Russen. Auch der notorische Kommunistenfresser Jörg Baberowski von der Humboldt-UniversitĂ€t in Berlin hat sich im Kern dieser Argumentation angeschlossen,Âł und sogar die US-Historikerin und -Journalistin Anne Applebaum, die sich in ihrem seit 2010 aus offenkundig ideologischen BeweggrĂŒnden unter Nutzung ganz ĂŒberwiegend ukrainischer Quellen entstandenen Buch »Roter Hunger«⁎ bemĂŒht hat, fĂŒr ein breiteres Lesepublikum die spezielle ukrainisch-nationalistische Sichtweise auf den tragischen Verlauf der Kollektivierung im Westen zu popularisieren, kommt nicht umhin, im Nachwort zu diesem umfangreichen Werk zuzugeben, dass die Argumentation der »funktionalistischen« Historiker wie Wiktor Kondraschin »teilweise richtig« sei.⁔

Auch Applebaum schafft es nicht, den schlĂŒssigen Beweis zu fĂŒhren, dass die Opfer der Kollektivierungsphase nicht die Folge einer mit höchster Beschleunigung und maximalem Gewalteinsatz durchgesetzten Enteignung der Bauern, konkret der RĂŒcknahme der Agrarrevolution der Jahre 1918 bis 1920, gewesen sei, sondern der Ausdruck einer gezielt gegen die Ukraine und ihre Bevölkerung gerichteten Politik der Bolschewiki. Ihr Trick besteht darin, parallel auf zwei Ebenen zu argumentieren und die Gleichzeitigkeit der Ereignisse auf beiden zum Beleg ihres inneren Zusammenhangs zu erklĂ€ren, konkret: die Kollektivierung auf der einen Seite und das ZurĂŒckdrĂ€ngen der nationalukrainischen EinflĂŒsse im Kulturleben der ukrainischen Sowjetrepublik ab der zweiten HĂ€lfte der 1920er Jahre auf der anderen Seite.

Selbst wenn man Applebaums These folgt, dass die siegreichen Bolschewiki nach 1917 in mehreren Teilen des Imperiums, das sie aus der Konkursmasse der provisorischen Regierung ĂŒbernommen hatten, mit nationalen Abspaltungsbewegungen konfrontiert gewesen seien, von denen die in der Ukraine fĂŒr sie aus verschiedenen GrĂŒnden die gefĂ€hrlichste gewesen sei und sie deshalb ĂŒber Jahre bemĂŒht waren, diese politisch zu neutralisieren, ist die Folgerung der Autorin, die vielen Kollektivierungsopfer in der Ukraine seien primĂ€r Ausdruck einer antiukrainischen Kampagne gewesen (was waren sie dann in Russland oder Kasachstan?) nicht zwingend.

Mit der Parallelisierung beider Entwicklungen versucht sich Applebaum um ein zentrales Beweisproblem herumzudrĂŒcken, das Politik und Rechtsprechung seit der Entwicklung des Genozidbegriffs durch den polnischen Juristen Raphael Lemkin in den 1940er Jahren im US-Exil prĂ€gt: Lemkin hatte in seiner Pionierstudie »Axis Rule in Occupied Europe« (1944) Genozid definiert als einen »koordinierten Plan verschiedener Aktionen, der auf die Zerstörung essentieller Grundlagen des Lebens einer Bevölkerungsgruppe gerichtet ist mit dem Ziel, die Gruppe zu vernichten«.⁶ Lemkin setzt also erstens Absicht voraus, und zweitens das Ziel, die Zielgruppe des Völkermordes insgesamt zu vernichten. Applebaum rĂ€umt selbst ein, dass die Kollektivierungskampagne Stalins dieses Ziel gar nicht verfolgt habe⁷; gleichwohl ist sie bemĂŒht, einen Genozid zu suggerieren. Sie erreicht das, indem sie das Element der IntentionalitĂ€t aus dem Vorgehen gegen die ukrainische Intelligenz entnimmt (die ja aber nur ein Teil der ukrainischen Bevölkerung war und an der sich – sogar im hypothetischen Fall ihrer vollstĂ€ndigen Vernichtung – das Kriterium der universellen Mordabsicht nicht hĂ€tte demonstrieren lassen können) und mit dem Element der Massenhaftigkeit der Repression aus dem Vorgehen gegen die Bauern in der Ukrai­ne (das sich aber nicht auf diese Republik beschrĂ€nkte) verbindet.

Politische Motive

Applebaum rĂ€umt im Nachwort, das der »Wiederkehr der ukrainischen Frage« im Zuge der Diskussion um den »Holodomor« gewidmet ist, verklausuliert ein, dass die von ihr im ĂŒbrigen propagierte These vom antiukrainischen Völkermord Resultat einer politischen AbsichtserklĂ€rung unter dem »prowestlichen« ukrainischen PrĂ€sidenten Wiktor Juschtschenko (2005–2010) gewesen sei, demselben Juschtschenko, der politisch stark unter dem Einfluss der ukrainischen Diaspora in den USA und Kanada stand und dessen politischer Nachlass im wesentlichen darin besteht, dass er 2006 die Hungersnot zum Genozid und 2010 den Antisemiten und Nazikollaborateur Stepan Bandera sowie etliche seiner Gesinnungsgenossen zu »Helden der Ukrai­ne« erklĂ€rt hat. Applebaum ist sich ĂŒbrigens völlig klar ĂŒber den manipulativen Charakter von Juschtschenkos Holodomor-Argumentation: »Juschtschenko verstand die Macht der Hungersnot als einigende nationale Erinnerung der Ukrainer (
). Zweifellos politisierte er sie, (
) einige seiner Zahlenangaben waren ĂŒbertrieben«.⁞

Der schwedische Historiker Per Anders Rudling hat rekonstruiert, wie die Legende vom Hungerverbrechen an den Ukrainern entstanden ist.âč Nach seinen Erkenntnissen haben die ehemaligen ukrainischen Nazikollaborateure, die sich nach 1945 mit Protektion insbesondere des britischen Geheimdienstes trotz ihrer den Alliierten bekannten Nazivergangenheit ĂŒber den Atlantik retten konnten,Âč⁰ die ErzĂ€hlung vom »Holodomor« in den spĂ€ten 1970er Jahren entwickelt, als unter dem Eindruck der US-Fernsehserie »Holocaust« (1978) die Auswirkungen der Debatte ĂŒber die Akteure und Profiteure der Judenvernichtung in Osteuropa spĂŒrbar wurden; mit einer GegenerzĂ€hlung hĂ€tten sie versucht, von ihrer eigenen Verwicklung bzw. der ihrer Organisationen in jene Verbrechen abzulenken. Es ist eine Chuzpe, wie sie in ukrainischen Nationalistenkreisen kein Einzelfall ist. Andrij Melnyk, der langjĂ€hrige Botschafter der Ukraine in der Bundesrepublik, hat nie etwas dabei gefunden, sich einerseits als Bandera-Fan zu outen, andererseits aber die deutsche Gesellschaft an die Naziopfer in der Ukraine zu erinnern.

Es ist also eine ausgesprochen trĂŒbe Suppe, aus der der Bundestag seinen Holodomor-Beschluss geschöpft hat. Die Frage ist, warum; nur die Tatsache, dass zuvor bereits die Parlamente Kanadas (2008) und der USA (2010) Ă€hnliche BeschlĂŒsse gefasst haben, kann es nicht gewesen sein, sie bindet den Bundestag ja nicht. Unkenntnis kann auch nicht geltend gemacht werden, schließlich unterhĂ€lt der Bundestag »Wissenschaftliche Dienste«, die genau die Aufgabe haben, die politisch Verantwortlichen auf Unsicherheiten, ZweifelsfĂ€lle und potentielle Peinlichkeiten hinzuweisen, bevor sie politisch aktenkundig werden.

Allerdings ist es dann die politische Entscheidung der Abgeordneten, ob sie diesen RatschlĂ€gen folgen. Dass sie das nicht tun, wenn ihnen die Schlussfolgerung der Experten nicht in den Kram passt, hat bereits im FrĂŒhjahr dieses Jahres die Auseinandersetzung um die Frage gezeigt, ob es eine indirekte Kriegsbeteiligung sei, wenn die Bundeswehr ukrainische Soldaten auf deutschem Boden ausbilde.ÂčÂč WĂ€hrend die Experten dies bejahten, beschloss die große Mehrheit der Abgeordneten, diese Bedenken zu ignorieren und mit der Ausbildung ukrainischer Soldaten auf deutschem Boden fortzufahren. Nach genau derselben Logik ignorierten die Parlamentarier jetzt die schwache Argumentationsgrundlage und die fragwĂŒrdige Entstehungsgeschichte des »Hunger-Genozids«.


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NEUER BEITRAG01.12.2022, 20:05 Uhr
Nutzer / in
FPeregrin

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Schlag gegen Russland

Es liegt nahe anzunehmen, dass es die Absicht der den Beschluss tragenden Fraktionen ist, Russland auf geschichtspolitischer Ebene einen symbolischen Schlag zuzufĂŒgen. Mehr ist es in der Sache nicht, auch wenn sich jetzt schlechtinformierte Leitartikler auf den Bundestagsbeschluss berufen können, um dessen Inhalt nachzuplappern. Was der Beschluss aber tatsĂ€chlich bezwecken soll, ist nicht recht absehbar. Die Vermutung, hier solle durch die Unterstellung eines »sowjetischen Holocaust« die Bedeutung des von Deutschland ins Werk gesetzten Völkermords an den europĂ€ischen Juden relativiert werden, wirkt wenig ĂŒberzeugend. Zu gut hat die bundesdeutsche Geschichtsmoral genau mit der – billig zu habenden – Anerkennung der »Einzigartigkeit« der deutschen Verbrechen international Punkte gemacht, nicht zuletzt in Israel, das aus der Behauptung dieser Einzigartigkeit ein Element seiner StaatsrĂ€son gemacht hat. Wozu sich an dieser Stelle den Ärger einhandeln, den sich die Ukraine bereits 2019 eingefangen hat, als PrĂ€sident Wolodimir Selenskij Israel aufgefordert hat, die Anerkennung der Hungersnot der frĂŒhen 1930er Jahre als mit dem Holocaust vergleichbar vorzunehmen.ÂčÂČ An der Stelle hört fĂŒr Israel der Spaß auf. Das ukrainische Ansinnen wurde brĂŒsk zurĂŒckgewiesen.

Das hindert die ukrainische Seite freilich nicht, fĂŒr ein Publikum ohne philologische Kenntnisse diese Gleichsetzung ĂŒber den Ă€hnlichen Anlaut der beiden Wörter »Holodomor« und »Holocaust« zu suggerieren. Dabei hat das eine slawische und das andere griechische Wurzeln, beide haben also nichts miteinander zu tun. Trotzdem hat sich das Leibniz-Institut fĂŒr Sozialwissenschaften nicht entblödet, 2009 den Artikel einer rumĂ€nischen Autorin zu veröffentlichen, der diese peinliche Dummheit zumindest als Eingangsfrage wiederholt.ÂčÂł

Eher könnte die Resolution der Versuch sein, die innerdeutsche Debatte zu zensieren. Denn schon im Oktober ist das Strafgesetzbuch um einen Paragraphen 130b erweitert worden, der »das öffentliche Billigen, Leugnen oder gröbliche Verharmlosen von Völkermord, Verbrechen gegen die Menschheit und Kriegsverbrechen« unter Strafe stellt.Âč⁎ Damit wĂ€re auch das juristische Dilemma umschifft, dass zwar eine Bestrafung nur auf Grund eines Gesetzes möglich ist, dass jedoch der Inhalt der neuen Vorschrift nicht prĂ€zisiert, was das Kriterium solcher »Verharmlosung« ist: womöglich auch ein inhaltlich fragwĂŒrdiger und von seinem Charakter her rein deklarativer Parlamentsbeschluss ohne Gesetzeskraft. Wenn sich der Bundestag von ukrainischen Geschichtsideologen vorschreiben lĂ€sst, was in Deutschland gesagt und geschrieben werden darf, wĂ€re dies nicht verwunderlich, nachdem das politische Berlin die monatelangen Pöbeleien eines Andrij Melnyk widerstandslos hingenommen hat. Insofern ist leider, so belanglos die Resolution inhaltlich ist, Schlimmes fĂŒr die Diskussionsfreiheit in Deutschland zu befĂŒrchten: die Melnykisierung des Diskurses.

Anmerkungen:

1 Link ...jetzt anmelden! Beschluss vom 15.12.2016

2 Wiktor Kondraschin: Golod 1932-33gg. Tragedija sowetskoj derewni (Der Hunger der Jahre 1932/33. Die Tragödie des sowjetischen Dorfes), Moskwa 2008, online unter: Link ...jetzt anmelden!

3 Jörg Baberowski: Die Kollektivierung der Landwirtschaft und der Terror gegen die Kulaken (2007), Link ...jetzt anmelden!

4 Anne Applebaum: Roter Hunger. Stalins Krieg gegen die Ukraine, MĂŒnchen 2019

5 Ebd., S. 440 f.

6 »a coordinated plan of different actions aiming at the destruction of essential foundations of the life of national groups, with the aim of annihilating the groups themselves«. Rafael Lemkin: Axis Rule in Occupied Europe. Laws of Occupation, Analysis of Government, Proposals for Redress, New Jersey 2005 [1944], S. 79

7 Applebaum, a. a. O., S. 437: »Der Holodomor entspricht diesem Kriterium nicht. Die ukrainische Hungersnot war nicht der Versuch, jeden Einzelnen Ukrainer zu vernichten, außerdem endete sie im Sommer 1933, bevor sie das gesamte ukrainische Volk auslöschen konnte.«

8 Ebda., S. 438:

9 Per Anders Rudling: Memories of »Holodomor« and National Socialism in Ukrainian political culture. In: Yves Bizeul (Hg.): Rekonstruktion des Nationalmythos? Frankreich, Deutschland und die Ukraine im Vergleich. Göttingen 2013. S. 227-258

10 Richard Breitman; Norman J. W. Goda: Hitler’s Shadow. Nazi Criminals, US Intelligence, and the Cold War, Washington D.C. 2007, online unter: Link ...jetzt anmelden!

11 Rechtsfragen der militĂ€rischen UnterstĂŒtzung der Ukraine durch NATO-Staaten zwischen NeutralitĂ€t und Konfliktteilnahme (16.3.2022), Link ...jetzt anmelden!

12 Link ...jetzt anmelden!

13 Alexandra Ilie: Holodomor, the Ukrainian Holocaust? In: Studia Politica: Romanian Political Science Review 11 (2011), No. 1, 137-154, Link ...jetzt anmelden!

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