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NEUES THEMA29.09.2021, 00:20 Uhr
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FPeregrin

• 80 Jahre Nazi-Massaker von Babi Jar jW heute:

R├╝cksichtslos vernichtet

Babi Jar. Vor 80 Jahren ver├╝bten die Nazis in der N├Ąhe von Kiew das gr├Â├čte Massaker des Zweiten Weltkriegs

Von Ulrich Schneider

Eines der schlimmsten Verbrechen im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion fand Ende September 1941 in Babi Jar (ukrainisch: Babyn Jar), einer Schlucht in der N├Ąhe von Kiew in der heutigen Ukraine statt. Schon bei der Kriegsplanung war klar, dass dieser Feldzug sich gegen├╝ber den Aggressionen der deutschen Wehrmacht im Westen und Norden unterscheiden werde. Die Befehle der Wehrmachtgeneralit├Ąt wie der ┬╗Kommissarbefehl┬ź und die ┬╗Richtlinien f├╝r das Verhalten der Truppe in Russland┬ź, die Soldaten und Kommandeure bei Kriegsverbrechen bereits vorab straffrei stellten, machten deutlich, dass es in diesem Krieg nicht nur um Territorien und Rohstoffe ging, sondern auch um die Vernichtung des ┬╗j├╝dischen Bolschewismus┬ź.

So ├╝berrascht nicht, dass bereits Anfang Juli 1941 die ersten Massaker an der Zivilbev├Âlkerung hinter der Front im besetzten Lwiw (Lemberg) stattfanden. Die Opfer waren j├╝dische Akademiker, die ÔÇô von ukrainischen Kollaborateuren denunziert ÔÇô von Wehrmacht und Einsatzgruppen ermordet wurden.

Angebliche Vergeltung

Unmittelbar nach der Besetzung der Stadt Kiew durch die 6. Armee und die Einsatzgruppe C der SS begannen die Vorbereitungen f├╝r den Massenmord. In Kiew lebten urspr├╝nglich mehr als 200.000 j├╝dische Menschen, von denen etwa 50.000, zumeist ├Ąltere M├Ąnner, Frauen und Kinder, die Flucht nicht gl├╝ckte. Gegen sie richtete sich Ende September die Mordaktion. Die milit├Ąrische Verantwortung daf├╝r trug als Oberbefehlshaber Generalfeldmarschall Walter von Reichenau von der 6. Armee. Das XXIX. Armeekorps, das Teil der 6. Armee war, verk├╝ndete das Besatzungsrecht und ernannte den Chef der Feldkommandantur 195, Generalmajor Kurt Eberhard, zum Stadtkommandanten von Kiew.

Als Vorwand f├╝r das Massaker diente die Tatsache, dass es in den ersten Tagen nach der Eroberung im Zentrum von Kiew zu kleineren Explosionen und Br├Ąnden gekommen war, bei denen auch Angeh├Ârige der Wehrmacht sowie zahlreiche Einwohner ums Leben kamen. Ob es sich hierbei um Sprengfallen der Roten Armee in Erwartung der Okkupanten oder einfach nur um Unf├Ąlle wegen fehlender Wartung handelte, wurde gar nicht untersucht. Es galt als ausgemacht, dass daf├╝r ┬ş┬╗Rache┬ź genommen werden m├╝sse. Am 27. September 1941 erfolgte daraufhin eine Dienstbesprechung zwischen dem Stadtkommandanten Generalmajor Eberhard, Friedrich Jeckeln, der bereits das Massaker von Kamenez-Podolsk Ende August 1941 in der Westukraine mitzuverantworten hatte, dem Befehlshaber der Einsatzgruppe C, SS-Brigadef├╝hrer Otto Rasch, SS-Obersturmf├╝hrer August H├Ąfner sowie SS-Standartenf├╝hrer Paul Blobel, dem Befehlshaber des Sonderkommandos 4 a. Der geplante Massenmord sollte als ┬╗Evakuierungsaktion der Juden┬ź getarnt werden. Gegen├╝ber den Soldaten der Wehrmacht und der SS wurde er als ┬╗Vergeltung f├╝r die Anschl├Ąge┬ź gerechtfertigt.

Generalfeldmarschall Reichenau holte sich pers├Ânlich aus Berlin die Zustimmung, wobei sich SS-Obersturmf├╝hrer H├Ąfner in einem Prozess 1968 dar├╝ber beklagte: ┬╗Wir mussten die Drecksarbeit machen. Ich denke ewig daran, dass der Generalmajor Kurt Eberhard in Kiew sagte: ÔÇ║Schie├čen m├╝sst ihr!ÔÇ╣┬ź Nach allen bekannten Dokumenten waren an dem Massenmord der Sicherheitsdienst des Reichsf├╝hrers SS (SD), das Sonderkommando 4ÔÇëa der SS-Einsatzgruppe C, Kommandos des Polizeiregiments S├╝d der Ordnungspolizei, Angeh├Ârige der Geheimen Feldpolizei, ukrainische Hilfspolizisten sowie die Wehrmacht beteiligt.

├ťber den Ablauf des Massenmordes berichteten die T├Ąter in der ┬╗Ereignismeldung UdSSR Nr. 106┬ź nach Berlin: ┬╗Einmal auf Grund der wirtschaftlichen Besserstellung der Juden unter bolschewistischer Herrschaft und ihrer Zutr├Ąger- und Agentendienste f├╝r das NKWD, zum anderen wegen der erfolgten Sprengungen und der daraus entstandenen Gro├čfeuer, war die Erregung der Bev├Âlkerung gegen die Juden au├čerordentlich gro├č. Hinzu kommt, dass Juden sich nachweislich an der Brandlegung beteiligt hatten. Die Bev├Âlkerung erwartete deshalb von den deutschen Beh├Ârden entsprechende Vergeltungsma├čnahmen. Aus diesem Grunde wurden in Vereinbarung mit dem Stadtkommandanten s├Ąmtliche Juden Kiews aufgefordert, sich am Montag, den 29.9. bis 8.00 Uhr an einem bestimmten Platz einzufinden. Diese Aufrufe wurden durch die Angeh├Ârigen der aufgestellten ukrainischen Miliz in der ganzen Stadt angeschlagen. Gleichzeitig wurde m├╝ndlich bekanntgegeben, dass s├Ąmtliche Juden Kiews umgesiedelt w├╝rden.

In Zusammenarbeit mit dem Gruppenstab und zwei Kommandos des Polizeiregiments S├╝d hat das Sonderkommando 4 a am 29. und 30.9. 33.771 Juden exekutiert. Geld, Wertsachen, W├Ąsche und Kleidungsst├╝cke wurden sichergestellt und zum Teil der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, U. S.) zur Ausr├╝stung der Volksdeutschen, z. T. der kommissarischen Stadtverwaltung zur ├ťberlassung an bed├╝rftige Bev├Âlkerung ├╝bergeben. Die Aktion selbst ist reibungslos verlaufen. Irgendwelche Zwischenf├Ąlle haben sich nicht ergeben. Die gegen die Juden durchgef├╝hrte ÔÇ║Umsiedlungsma├čnahmeÔÇ╣ hat durchaus die Zustimmung der Bev├Âlkerung gefunden. Dass die Juden tats├Ąchlich liquidiert wurden, ist bisher kaum bekanntgeworden, w├╝rde auch nach den bisherigen Erfahrungen kaum auf Ablehnung sto├čen. Von der Wehrmacht wurden die durchgef├╝hrten Ma├čnahmen ebenfalls gutgehei├čen. Die noch nicht erfassten bzw. nach und nach in die Stadt zur├╝ckkehrenden gefl├╝chteten Juden werden von Fall zu Fall entsprechend behandelt.┬ź┬╣

Der Bericht verdeutlicht, dass sich die T├Ąter der Tragweite des Verbrechens in jeder Hinsicht bewusst waren und sie f├╝r ihre Taten Lob erwarteten, lief die Aktion aus Sicht der Nazis doch reibungslos ab.


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NEUER BEITRAG29.09.2021, 00:22 Uhr
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FPeregrin

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Spuren beseitigt

Da dieser Massenmord mit ┬╗deutscher Gr├╝ndlichkeit┬ź erledigt wurde, gab es nur vereinzelte ├ťberlebende. Eine davon war Dina Pronitschewa. Von ihr ist folgende Schilderung ├╝berliefert:

┬╗Sie mussten sich b├Ąuchlings auf die Leichen der Ermordeten legen und auf die Sch├╝sse warten, die von oben kamen. Dann kam die n├Ąchste Gruppe. 36 Stunden lang kamen Juden und starben. Vielleicht waren die Menschen im Sterben und im Tod gleich, aber jeder war anders bis zum letzten Moment, jeder hatte andere Gedanken und Vorahnungen, bis alles klar war, und dann wurde alles schwarz. Manche Menschen starben mit dem Gedanken an andere, wie die Mutter der sch├Ânen f├╝nfzehnj├Ąhrigen Sara, die bat, gemeinsam mit ihrer Tochter erschossen zu werden. Hier war selbst zum Schluss noch eine Sorge: Wenn sie sah, wie ihre Tochter erschossen wurde, w├╝rde sie nicht mehr sehen, wie sie vergewaltigt wurde. Eine nackte Mutter verbrachte ihre letzten Augenblicke damit, ihrem S├Ąugling die Brust zu geben. Als das Baby lebendig in die Schlucht geworfen wurde, sprang sie hinterher.┬ź

Die Wehrmacht leistete mehr als nur logistische Hilfe, indem sie die Stadt und den Erschie├čungsort absicherte. Nach dem Morden sprengten Pioniere zur Spurenbeseitigung die R├Ąnder der Schlucht. Dabei wurden angeschossene, noch lebende Opfer lebendig begraben. In der Anordnung zur Deportation war den Ukrainern explizit verboten worden, die Wohnungen der j├╝dischen Einwohner zu pl├╝ndern. Das ├╝bernahm die Besatzungsmacht selber. Die verbliebenen Habseligkeiten der Ermordeten wurden in einem Lagerhaus gesammelt und an ┬╗Volksdeutsche┬ź sowie einzelne Einwohner von Kiew verteilt. Die Kleidung wurde mit ├╝ber hundert Lkw ins Reich transportiert und der NSV ├╝bergeben.

Damit war das Verbrechen jedoch noch nicht beendet. Als die faschistischen Truppen im Sommer 1943 zum R├╝ckzug gezwungen wurden, beteiligte sich die Wehrmacht ebenfalls an der Exhumierung der Leichen und der Beseitigung der Spuren. Es war wieder Paul Blobel, der die ┬╗Enterdungsaktion┬ź leitete. Alle Spuren dieses Verbrechens sollten verwischt werden. Am 18. August 1943 wurden H├Ąftlinge des nahegelegenen KZ Syrez abkommandiert. Den Gefangenen wurden Ketten angelegt, damit sie nicht fliehen konnten. Mit Schaufeln mussten sie tagelang die Leichen ausgraben. Die Ermordeten sollten noch vor dem Eintreffen der Roten Armee beseitigt werden. Wehrmachtssoldaten und SS-Angeh├Ârige ├╝berwachten die Aktion, auch um noch m├Âgliche Wertgegenst├Ąnde sicherstellen zu k├Ânnen. Die H├Ąftlinge mussten die Leichen auf nahegelegenen Eisenbahnschienen stapeln und verbrennen. Nach Abschluss der Arbeiten wurden sie ebenfalls erschossen. Nur einzelnen gelang die Flucht.

Kiew war 779 Tage von deutschen Truppen besetzt. Als die sowjetische Armee unter General Nikolai Watutin am 5. November 1943 die Stadt befreite, gab es dort nur noch rund 180.000 Einwohner: Vier F├╝nftel waren umgekommen oder deportiert worden. Die Stadt lag in Tr├╝mmern.

Ein Aspekt, der beim Massaker von Babi Jar noch nicht mit endg├╝ltiger Klarheit aufgearbeitet ist, betrifft die Beteiligung der verschiedenen ukrainischen Kollaborateure. Unstrittig ist, dass Hilfspolizisten bei der Vorbereitung der Aktion und beim Zusammentreiben der j├╝dischen Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt eine aktive Rolle spielten. Der niederl├Ąndische Historiker Karel Berkhoff, der sich schwerpunktm├Ą├čig mit dem Holocaust in der Ukraine besch├Ąftigt, meint nachweisen zu k├Ânnen, dass auch die ┬╗Bukowiner Kurin┬ź, eine Milit├Ąreinheit der Melnyk-Fraktion der Organisation Ukrainischer Nationalisten, am Massaker teilgenommen habe. Ukrainische Historiker bezweifeln diese These, da die Einheit angeblich erst nach dem Massaker in Kiew eingetroffen sei.

Juristische Aufarbeitung

Die ersten Untersuchungen des Verbrechens begannen bereits unmittelbar nach der Befreiung Kiews Anfang November 1943 durch die Rote Armee. Das Volkskommissariat f├╝r Staatssicherheit (NKGB) und die ┬╗Au├čerordentliche Staatliche Kommission f├╝r die Feststellung und Untersuchung der Verbrechen der deutschen faschistischen Eindringlinge┬ź erstellten Berichte, die als Anklagematerial an die alliierten Kriegsverbrecherprozesse weitergegeben werden sollten. Aber auch in der Sowjetunion selbst wurde das Verbrechen verhandelt, als im Januar 1946 f├╝nfzehn deutschen Soldaten in Kiew der Prozess gemacht wurde. Zwar waren sie nicht vorrangig wegen dieses Verbrechens angeklagt, aber die Untersuchungsergebnisse zu Babi Jar dienten zur Verdeutlichung der verbrecherischen Besatzungspolitik ÔÇô und damit nat├╝rlich auch der Verbrechen, an denen die Angeklagten mittelbar beteiligt waren. F├╝r die Ankl├Ąger war klar, dass in Babi Jar eine ┬╗Massenvernichtung sowjetischer B├╝rger┬ź stattgefunden habe.

Die Ergebnisse der sowjetischen Untersuchungskommissionen lagen dem N├╝rnberger Hauptkriegsverbrecherprozess vor und waren Teil der Anklage. Als Beweise konnten Dokumente ├╝ber die Exhumierung vorgelegt werden, aus denen sich bereits die ungef├Ąhren Dimensionen des Massenverbrechens ergaben. Ausf├╝hrlich wurde das Verbrechen im Fall neun der N├╝rnberger Nachfolgeprozesse, dem Einsatzgruppenprozess (┬╗Die Vereinigten Staaten gegen Otto Ohlendorf und andere┬ź), behandelt. Im Mittelpunkt der Anklage stand Paul Blobel, der wegen Verbrechen gegen die Menschheit, Kriegsverbrechen und Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation angeklagt war. Da das Sonderkommando 4 a der SS-Einsatzgruppe C nicht nur am Massaker in Babi Jar beteiligt war, sondern unter Blobels Befehl auch weitere Verbrechen begangen hatte, wurde ihm die Verantwortung f├╝r die Ermordung von mindestens 60.000 Menschen im Zeitraum zwischen Juni 1941 und Januar 1942 zur Last gelegt.

In seiner Einlassung gegen├╝ber dem Gericht rechtfertigte Blobel seine Verbrechen mit dem Hinweis, das Sonderkommando 4 a habe maximal 10.000 bis 15.000 Menschen erschossen. Au├čerdem seien es ┬╗Agenten, Partisanen, Saboteure, der Spionage und Sabotage verd├Ąchtige Elemente und solche Personen, die das Deutsche Heer sch├Ądigten┬ź, gewesen. Eine Erschie├čung sei daher von der Haager Landkriegsordnung gedeckt. Auf solche Entlastungskonstruktionen lie├č sich das Gericht nicht ein. Blobel wurde am 10. April 1948 zum Tod durch den Strang verurteilt. Das Urteil wurde am 7. Juni 1951 in Landsberg am Lech vollstreckt.

Blobels Stellvertreter hingegen, SS-Hauptsturmf├╝hrer Knud Callsen, der eine Teilformation des Erschie├čungskommandos an der Schlucht kommandiert hatte, lebte viele Jahre unbehelligt unter falschem Namen in der Bundesrepublik. Erst 1968 kam es vor dem Landgericht Darmstadt gegen ihn und sieben weitere Mitt├Ąter zum Prozess. Er wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt. Wieviel er davon verb├╝├čte, ist unbekannt.

Der H├Âhere SS- und Polizeif├╝hrer Russland-S├╝d, Friedrich Jeckeln, der sp├Ąter die gleiche Funktion im Norden ├╝bernahm, wurde von einem sowjetischen Milit├Ąrgericht 1946 zum Tode verurteilt und am selben Tag auf dem Gel├Ąnde des einstigen Rigaer Ghettos hingerichtet. Kurt Eberhard, der Kiewer Stadtkommandant, beging bereits 1947 in US-amerikanischer Haft Selbstmord. Das Verfahren gegen SS-Brigadef├╝hrer Otto Rasche im Einsatzgruppenprozess wurde aus Gesundheitsgr├╝nden ausgesetzt. Er starb 1948.

Es ist bezeichnend f├╝r den Umgang mit der Rolle der Wehrmacht im Vernichtungskrieg, dass sich keiner der Offiziere der Wehrmacht, die an der Vorbereitung, Durchf├╝hrung und Vertuschung des Massakers beteiligt waren, vor Gericht verantworten musste.


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NEUER BEITRAG29.09.2021, 00:25 Uhr
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FPeregrin

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┬╗Holocaust-Disney┬ź

Anders als die juristische Aufarbeitung durch die Alliierten gestaltete sich das Gedenken an das Massaker deutlich widerspr├╝chlicher. In den ersten Jahren nach dem Krieg fehlte jeder Hinweis am Ort des Verbrechens. Die Ver├Âffentlichung des Gedichts ┬╗Babi Jar┬ź von Jewgeni Jewtuschenko anl├Ąsslich des 20. Jahrestags des Massakers, das auch darauf aufmerksam machte, dass ein Denkmal zur Erinnerung an die Opfer fehle, f├╝hrte nach weiteren Diskussionen 1976 zur Errichtung eines Gedenksteins f├╝r die ┬╗erschossenen Sowjetb├╝rger und Kriegsgefangenen┬ź. So richtig die Aussage war, dass es sich bei den Ermordeten um Sowjetb├╝rger handelte und nicht alle Opfer j├╝dische Menschen waren, so wenig wurde diese Inschrift der historischen Dimension des Geschehenen gerecht. Erst 1991 wurde mit der Errichtung einer Menora sichtbar auf die j├╝dischen Opfer verwiesen.

Da sich Babi Jar, das l├Ąngst zum Stadtgebiet Kiews geh├Ârt, zum zentralen Gedenkort der neuentstandenen Ukraine entwickelte, ├╝berrascht es nicht, dass in diesem Umfeld in den folgenden Jahren nicht nur Denkm├Ąler f├╝r die ermordeten Roma, die 1943 erschossenen Insassen des KZ Syrez und ein Kinderdenkmal errichtet wurden, sondern auch mehrere Denkm├Ąler f├╝r ukrainische Nationalisten, die in der N├Ąhe von Babi Jar get├Âtet worden waren. Wie wenig sich die Kiewer Stadtpolitik indes f├╝r ein w├╝rdiges Gedenken interessiert, wird wohl am besten daran sichtbar, dass im Jahre 2000 eine neue Metrolinie er├Âffnet wurde, die quer durch das ehemalige Massengrab hindurchgetrieben worden war.

Seit f├╝nf Jahren gibt es in der Ukraine eine erneute Debatte ├╝ber den Umgang mit dem Gedenkort, die jedoch weniger von einer ernsthaften historischen Aufarbeitung des Geschehenen, sondern von au├čenpolitischen Interessen und innenpolitischen Konflikten gepr├Ągt ist. Im Fokus steht dabei das 2016 gegr├╝ndete ┬╗Babi Yar Holocaust Memorial Centre┬ź (BYHMC), eine nichtstaatliche Organisation, ┬╗deren Ziel es ist, die Erinnerung an den Holocaust und die Babi-Jar-Trag├Âdie in der Ukraine zu bewahren und zu pflegen, indem sie das Babi-Jar-Gebiet zu einem Ort des Gedenkens macht┬ź, wie es in einer offiziellen Verlautbarung hei├čt. Die Stiftung habe den Auftrag, das Andenken an die Opfer der Trag├Âdie w├╝rdig zu ehren und durch die Bewahrung und Erforschung der Geschichte des Holocaust zur Humanisierung der Gesellschaft beizutragen. In einer ersten Runde wurden international renommierte Historiker und Ausstellungsmacher zur Mitarbeit eingeladen, von denen sich aber bis 2019 bereits mehrere wieder zur├╝ckzogen. Der Vorsitzende der Arbeitsgruppe f├╝r die Hauptausstellung, der Wiener Kunsthistoriker Dieter Bogner, trat beispielsweise im Herbst 2019 mit der Erkl├Ąrung zur├╝ck: ┬╗Mit den in der Pr├Ąsentation skizzierten Ideen wird die Hauptausstellung eher zum ÔÇ║Holocaust-DisneyÔÇ╣ als zu einem Ort der Erinnerung und Reflexion ├╝ber die unglaubliche Trag├Âdie, die sich in Babi Jar und Osteuropa ereignete.┬ź

Umstrittenes Projekt

Ein zentraler Konfliktpunkt ist die Ernennung von Ilja Chrschanowski zum k├╝nstlerischen Direktor des BYHMC. Kritisiert wird, dass Chrschanowski das Projekt wie ein Diktator leitet. Er ignoriere ohne Absprache den preisgekr├Ânten Siegerbeitrag des Architekturwettbewerbs, weil der seinen Vorstellungen widerspreche. Das Projekt ┬╗Basic Historical Narrative┬ź, das der Vorbereitung des Gedenkortes dienen sollte, findet sich zwar noch auf der Website des BYHMC, werde aber nicht mehr fortgef├╝hrt. Nationalistische Gruppen kritisieren Chrschanowski wegen seiner russischen Wurzeln und seiner Kontakte zu russischst├Ąmmigen Sponsoren. Auch wird dem BYHMC die Vernachl├Ąssigung der nichtj├╝dischen Opfer Babi Jars vorgeworfen. Und so bereitete das Institut f├╝r Nationales Ged├Ąchtnis 2019 ein ┬╗(Gegen-)Konzept f├╝r die umfassende Memoralisierung von Babi Jar┬ź vor, das sowohl den Holocaust als auch s├Ąmtliche Opfer im Umfeld von Babi Jar dokumentieren soll. Doch nur f├╝r das zweite Museum gibt es konkrete Vorstellungen, die eigentlich schon 2020 umgesetzt sein sollten, bislang jedoch an der Finanzierung scheiterten.

Allen politischen Widerst├Ąnden zum Trotz halten Pr├Ąsident Wolodimir Selenskij und die ukrainische Regierung an dem Projekt des BYHMC fest. Im September 2020 unterzeichnete Kulturminister Oleksandr Tkatschenko mit Zustimmung des Pr├Ąsidenten eine Kooperationsvereinbarung mit dem BYHMC, das durch den Pr├Ąsidenten des j├╝dischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, in seiner Funktion als Aufsichtsratsmitglied vertreten war. In einer offiziellen Erkl├Ąrung von Ende Januar 2021 verk├╝ndete die ukrainische Regierung: ┬╗Ilja Chrschanowski und sein Team von internationalen Experten stellten dem Aufsichtsrat des BYHMC ihr Konzept f├╝r das Memorial Center vor. Der international hochkar├Ątig besetzte Aufsichtsrat begr├╝├čte die Pl├Ąne mit Begeisterung.┬ź Weiter hie├č es: ┬╗Der Pr├Ąsident begr├╝├čte die Pl├Ąne und wies den Kulturminister an, die Er├Âffnung einer Synagoge und eines zus├Ątzlichen Ausstellungsraums in dem Komplex in diesem Jahr zu f├Ârdern.┬ź

Es ist offensichtlich, dass sich die ukrainische Regierung mit diesem Projekt der Zustimmung des Auslandes und des j├╝dischen Weltkongresses versichern will, nachdem sich der ehemalige ukrainische Premierminister Wolodimir Groisman 2017 bei einem Besuch des israelischen Pr├Ąsidenten Reuven Rivlin noch deutliche Worte hatte anh├Âren m├╝ssen, wie notwendig konsequentes Regierungshandeln gegen faschistische und antisemitische Ausschreitungen in der Ukraine sei. Von einer ┬╗j├╝dischen Gedenkst├Ątte┬ź in Babi Jar erhofft man sich offensichtlich, ein internationales Zeichen setzen zu k├Ânnen.

Anmerkung:

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