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Ein erster Gruss aus China, genauer gesagt aus Beijing, erreicht euch von allen Genossen, die sich im Rahmen der secarts.org-Reisegruppe derzeit in den Volksrepublik aufhalten. Wir sind am 22.09.2009 gegen 6:30 Uhr Ortszeit (das entspricht + 6 Stunden gegenueber der MESZ, also 00:30 Uhr in Deutschland) am Beijing Capital Airport gelandet. Fuer uns ist dies die erste Landung auf dem neuen Beijinger Flughafen, der derzeit der groesste der Welt ist. Nach den ersten noetigen organisatorischen Schritten habe wir uns unterdessen eingelebt und unser Programm begonnen... also der richtige Moment, um ein erstes Lebenszeichen abzusenden!

Großbildansicht beijing-subway.gif (167.4 KB)
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Beijinger U-Bahn-System
Beijing befindet sich in der Vorbereitung des 60. Jahrestages der VR China - und das ist in der ganzen Stadt zu spueren. Die Feier des Jahrestages soll mit einer grossen Parade auf dem Tian'anmen-Platz begangen werden, und der gesamte zweite Stadtring Beijings - das entspricht ungefaehr dem Gebiet innerhalb der U-Bahn-Linie Nummer 2 auf unserer Karte - befindet sich in Vorbereitung auf dieses Ereignis. Nachdem ein geplanter Bombenanschlag uigurischer Separatisten vor einigen Tagen verhindert werden konnte, bedeutet dies verschaerfte Sicherheitskontrollen und notwendige Einschraenkungen: eine gewisse Praesenz freiwilliger Helfer und Polizisten praegt das Strassenbild, das trotz der Anwesenheit Uniformierter nicht aggressiver geworden ist - ganz im Gegenteil: wir haben unser Reiseprogramm begonnen und freuen uns auf einen grossartig begangenen Jahrestag des Neuen China!

Manche von uns sind zum ersten Mal in Beijing und lernen eine neue Welt kennen - andere kehren zurueck in eine Stadt, die sich seit dem letzten Besuch deutlich veraendert hat. Unterdessen hat Beijing im Jahr 2008 die Olympischen Sommerspiele ausgerichtet; waehrend dreier Jahre wurden hier 8 U-Bahn-Linien aus dem Boden gestampft und neue Hotels, Parks und Sportanlagen errichtet. Neben dem Tian'anmen-Platz ist ein neues Opernhaus gebaut worden, das olympische Sportgelaende ist zur Besichtigung freigegeben worden und das ganze Strassenbild hat sich gewandelt - mehr und mehr definiert sich Beijing als Chinas Fenster zur Welt.

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Wir haben mit unserem "offiziellen" Reiseprogramm begonnen. Dazu gehoert der Besuch des Mausoleums des Grossen Vorsitzenden: Das Gebaeude, mitten auf dem Tian'anmen-Platz gelegen, ist Anlaufpunkt Tausender chinesischer und auslaendischer Touristen, die Beijing besuchen. Mao Zedong, Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas und Gruender des Neuen China, der 1976 verstarb, ist hier aufgebahrt. Fuer eine Mehrzahl der Chinesen ist Mao Zedong Verkoerperung der Befreiung Chinas: von Fremdherrschaft, imperialistischer Unterdrueckung und innerer Reaktion. Ein Besuch im Mausoleum ist natuerlich keine Pflicht, aber Ausdruck des Selbstverstaendnisses des Neuen China - die Wuerde und der Stolz der wiedererwachten chinesischen Nation findet seinen Ausdruck in der Ehrung des Mannes, der wie kein anderer fuer den selbstaendigen, sozialistischen Weg des Landes steht. Auch fuer uns, die wir die VR China bereisen, ist ein Besuch beim Vorsitzenden selbstverstaendlich. Mao ist seit ueber 30 Jahren tot - das China, was wir heute erleben koennen, waere ohne ihn undenkbar. So ehren wir eine historische Person, die sinnbildlich fuer die Befreiung des Landes aus eigener Kraft steht - mag auch laengst nicht alles, was heute in China geschieht, in seinem Sinne sein: alleine die Tatsache, dass das chinesische Volk - und niemand anders! - entscheidet, wohin die Geschicke des Landes gehen: Mao Zedong, als Gruender der Volksrepublik China, ist Ausdruck der Selbstbefreiung und damit der Wuerde der Chinesen.

Die "Verbotene Stadt", der alte Kaiserpalast des dynastischen China, ist hingegen eine Reise in die Vergangenheit. Das feudale China, ueber Jahrtausende eine der entwickeltsten Hochkulturen der Erde, endete im 18. und 19. Jahrhundert in der Stagnation, als willkommene und wehrlose Beute westlicher Maechte. Das erstarrte Zeremoniell am kaiserlichen Hof, die dekandente Pracht und Herrlichkeit der letzten Dynastie Chinas, der Qing, ist Ausdruck der Faeulnis einer ueberlebten Gesellschaftsordnung, aber auch einer der wesentlichsten Zivilisationen der Erde. Der Palast ist der groesste Kaiserpalast der Welt und mit seinen mythischen 9999 Zimmern nicht in einem Tag, aber auch nicht in einer Woche oder in einem Monat erschoepfend zu besichtigen. Von tonnenschweren Jadequadern, die per Muskelkraft aus hunderten Kilometern weit entfernten Gebieten herangeschafft wurden, bis hin zu Steinschnitzereien, an denen Tausende Menschen Jahrzehnte zu arbeiten hatten: wenig wird dem Reichtum der letzten Kaiser Chinas gleichkommen. Wenig auch der Lebensferne der Regenten, die - im hoefischen Zeremoniell gefangen - in einer Welt lebten, die die Lebenswirklichkeit der Bevoelkerung nicht mehr ansatzweise abdeckte. Die letzten Qing-Kaiser lebten in Gold und Seide, als das chinesische Volk laengst nur noch Planziffer in den Strategiepapieren europaeischer, japanischer und amerikanischer Imperialisten war.

All die Palaeste, Tempel und Heiligtuemer, die noch vor wenigen Jahrzehnten nicht nur fuer Touristen, sondern auch fuer die normalen chinesischen Buerger Sperrgebiet waren, sind nun der Allgemeinheit freigegeben: die einstigen kaiserlichen Gaerten sind heute Naherholungsgebiete, die dynastischen Palaeste Museen, die rituellen Zeremonialplaetze oeffentliche Gruenflaechen. Beijing gehoert sich selbst, gehoert seinen Bewohnern, und mit ihnen all jenen, die sie besuchen. Keinerlei Aggression ist hier spuerbar, keine Barrieren staatlicherseits, aber auch kein instrumentalisierter Fremdenhass, keine Zerstoerung des Lebensraums durch eine Jugend, der kein Raum zum Leben gelassen wird. Sei es nach Mitternacht in Parkanlagen, sei es in Fussgaengerzonen oder Gaststaetten, wo Frauen sich so selbstverstaendlich und ohne Furcht bewegen koennen wie Maenner, wo niemand rassistische Peobeleien zu befuerchten hat: China ist gastfreundlich und interessiert an der Welt und ihren Gaesten, die zu Besuch kommen. Niemand von uns kann sich eine Stadt mit mehr als 17 Millionen Einwohnern vorstellen, in der es so unkomliziert, so entspannt zugeht wie im heutigen Beijing. Dort, wo Kaiserpalaeste Naherholungsgebiete geworden sind und Mausoleen von Staatsgrundern Orte, wo - freiwillig, und ohne Zwang - die Bevoelkerung sich selbst Respekt zeigt. Respekt vor der Befreiung des Landes aus eigener Kraft von all denjenigen, die das Rad der Zeit zurueckdrehen wollen.

Fuer nichts anderes steht das Mausoleum Mao Zedongs, fuer nichts anderes hat die Bevoelkerung Chinas ihre Kaiserpalaeste den Geasten aus aller Welt geoeffnet, und fuer nichts anderes wird der 60. Jahrestag des Neuen China begangen: das chinesische Volk feiert - sich selbst und seine Freiheit.


Hinweis zu unseren Artikeln aus China:
Wir bedienen uns in den Artikeln der offiziellen chinesischen Pinyin-Umschrift, die vielfach von der hierzulande bekannten, allerdings überholten Umschrift abweicht. "Guangzhou" ist gleichbedeutend mit "Canton" (Stadt), "Guangdong" mit "Canton" (Provinz), "Beijing" mit "Peking", und so weiter. Wenn einmal ein Wort nicht verständlich ist, bitte gleich in den Kommentaren nachfragen!
Fehlende Umlaute erklären sich aus den in China vefügbaren englischen Tastaturen, die nicht über die deutschen Umlaut-Tasten verfügen.



 
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   Kommentar zum Artikel von hw:
Samstag, 26.09.2009 - 21:08

Auch in der Haarpracht junger ChinesInnen spiegelt sich der Jahrestag wieder.