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    HERZOGENAURACH/KIETRZ (27.02.2009) - Die Schaeffler Gruppe räumt bislang verschwiegene Kriegsgeschäfte ihrer Firmengründer im NS-Reich ein. Demnach geht der heutige Konzern nicht nur auf ein Vorgängerunternehmen zurück, das 1940 billig zu erwerben war, weil sein jüdischer Eigentümer hatte fliehen müssen. Die Maschinen, mit denen die Schaefflers nach Kriegsende ihre Unternehmertätigkeit fortführten, entstammten zudem der Rüstungsproduktion für die Wehrmacht. Während des Zweiten Weltkriegs beutete die Unternehmerfamilie schließlich auch polnische, sowjetische und französische Zwangsarbeiter aus. Dies ist einem Gutachten des Historikers Gregor Schöllgen zu entnehmen. Es bestätigt kürzlich publizierte Recherchen dieser Redaktion. Unklarheit herrscht nach wie vor über die Frage, ob Geschäftskontakte der früheren Schaeffler AG aus Katscher (heute Kietrz) zum Vernichtungslager Auschwitz bestanden. Während Schöllgen keine Belege dafür gefunden haben will, berichten polnische Historiker, nach dem Abzug der deutschen Truppen aus Katscher sei in einer dortigen "Schoeffler AG" mit Giftgas kontaminiertes Menschenhaar sichergestellt worden. german-foreign-policy.com veröffentlicht Auszüge aus den Berichten.

    Ergänzungsbedürftig

    Mit einer Stellungnahme vom Mittwoch dieser Woche reagiert die Schaeffler Gruppe auf kürzlich publizierte Recherchen dieser Redaktion.1 Wegen angeblich "falscher Unterstellungen" trete man nun mit ausführlichen Berichten über die Unternehmensgeschichte an die Öffentlichkeit, erklärt ein Firmensprecher.2 Allgemein zugänglich ist jetzt eine vierseitige Studie des Historikers Gregor Schöllgen, die in der jüngsten Ausgabe einer Publikumszeitschrift erschienen ist.3 Tatsächlich bestätigt die Studie weitestgehend die Recherchen von german-foreign-policy.com. Wie inzwischen aus Firmenkreisen verlautet, werde die Schaeffler Gruppe womöglich ihre offizielle Darstellung der Unternehmenshistorie um die Vorgeschichte in der NS-Zeit ergänzen müssen.4

    Jüdisches Eigentum

    Schöllgen bestätigt in seiner Studie die jüdische Vergangenheit der ehemaligen Schaeffler AG. Im Mittelpunkt steht die 1850 in Berlin gegründete Firma "David und Co.", die 1907 im schlesischen Katscher (heute Kietrz) eine Teppichproduktion eröffnete und dort zwischen 1929 und 1931 mit mehreren Übernahmen expandierte. Der jüdische Firmenbesitzer Ernst Frank sah sich nach dem Beginn der NS-Herrschaft zur Flucht gezwungen. Seine Firma geriet unter dem Namen "Davistan AG" unter die Kontrolle eines Bankenkonsortiums, darunter die Dresdner Bank, deren Angestellter Wilhelm Schaeffler sie im Oktober 1940 mit zunächst 67 Prozent der Anteile übernahm. Der Preis habe "gut 30 Prozent unter dem Nominalwert" gelegen, schreibt Schöllgen.5 Die Davistan AG wurde 1942 in "Schaeffler AG" umbenannt.

    Rüstungsproduktion

    Schöllgen bestätigt weiter die umfangreiche Schaeffler'sche Rüstungsproduktion. Demnach erhielt die Unternehmerfamilie seit 1942 Aufträge von der Wehrmacht, die zunächst ein "Abwurfgerät" für die Luftwaffe, später dann auch "Panzerkampfwagen und Sturmgeschütze", "Flugzeugbomben und Behälter dazu" und Maschinenteile in Katscher bestellte.6 Wichtig wurden besonders Nadellager für Panzerketten, die auch anderweitig einsetzbar waren und für die Schaefflers zur Grundlage ihres Nachkriegserfolges wurden - dieser basierte auf Nadellagern für die deutsche Automobilindustrie, aber auch für die US-Streitkräfte. Schöllgen bestätigt die Einschätzung dieser Redaktion: "Grundlage für den Erfolg (der Schaeffler Gruppe nach dem Zweiten Weltkrieg, d. Red.) sind nicht zuletzt die aus Katscher geretteten Maschinen und Materialien, eine Reihe von Mitarbeitern, die den Schaefflers aus Oberschlesien gefolgt sind, und das Know-how in der Industrienadelfertigung."

    Zwangsarbeiter

    Mit seiner Studie erweitert Schöllgen den bisherigen Kenntnisstand vor allem hinsichtlich der von den Schaefflers eingesetzten Zwangsarbeiter. Deren genaue Zahl und ihr Status ließen sich "trotz intensiver Recherchen nicht mehr ermitteln", schreibt der Historiker: "Sicher" sei jedoch, dass sich die Schaeffler'sche Rüstungsproduktion polnischer, französischer und sowjetischer Zwangsarbeiter bedient habe. Schöllgen hält es allerdings für "gesichert", "dass sich Wilhelm Schaeffler gegenüber 'Polen, Juden und Ausländern' stets 'korrekt' verhalten" habe.7 Dies hätten "nach dem Krieg mehrere Betroffene (...) übereinstimmend zu Protokoll gegeben".

    Menschenhaar

    Während Schöllgen entlastenden Aussagen der ehemaligen Zwangsarbeiter große Bedeutung beimisst, fehlt eine Würdigung mancher belastender Augenzeugenberichte. Dabei geht es vor allem um die Frage möglicher Geschäftsbeziehungen der Schaefflers zum Vernichtungslager Auschwitz. Polnische Historiker berichten, dass nach dem Abzug der Wehrmacht aus Katscher in einer dortigen Fabrik große Mengen Menschenhaar gefunden wurden - ungefähr 1.950 Kilogramm. Dies entspricht laut Berechnungen von Wissenschaftlern dem Haar von 40.000 Menschen. An den in Kietrz sichergestellten Haaren konnten Wissenschaftler Spuren von Zyanwasserstoff nachweisen; Zyanwasserstoff war Bestandteil des Giftgases ("Zyklon B"), mit dem die Nazis ihre Opfer in den Gaskammern ermordeten.8

    Nicht geklärt

    Das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau gibt den Namen des Betriebes, in dem das offenbar aus Auschwitz stammende Menschenhaar gefunden wurde, mit "Teppichfabrik G. Schoeffler AG" an. Eine "Schoeffler AG" ist für Katscher nicht belegt, sehr wohl jedoch die Schaeffler AG. Einen Hinweis darauf, dass die "Schoeffler AG" mit der Schaeffler AG identisch sein könnte, liefern Angaben über die Verstaatlichung der Textilindustrie in Kietrz. Sowohl für die vermeintliche "Schoeffler AG" als auch für die "Schaeffler AG" wird als Nachkriegsname "Śląskie Zakłady Pluszu i Dywanow" angegeben. Eine präzise Aufklärung zu dieser Frage bleibt Schöllgen nicht nur schuldig, er behauptet sogar, es gebe "keine Belege" für den Verdacht: "Vor allem hat sich bislang in keinem der systematisch durchforsteten deutschen Archive im Zusammenhang mit der Firma Schaeffler auch nur ein Hinweis auf Auschwitz oder gar auf Lieferungen von Haarballen gefunden. Das gilt sowohl für das Firmenarchiv als auch für das Archiv der Dresdner Bank oder das Bundesarchiv".9 Ein Blick in die einschlägige Fachliteratur über Menschenverwertung in Auschwitz hätte dabei schon genügt, um Hinweise zu finden; german-foreign-policy.com dokumentiert Quellen.10

    Nicht erzählt

    Unklar bleibt auch, welcher Vergehen sich Firmengründer Wilhelm Schaeffler bei seiner sonstigen Tätigkeit im besetzten Polen schuldig gemacht hat. Wie Schöllgen berichtet, war Schaeffler vom 22. November 1946 bis zum 23. Juli 1951 in Polen in Haft. Die polnische Justiz warf ihm vor, "zugunsten des Deutschen Reiches" und "im Auftrag der deutschen Regierung" an der "Liquidierung des dem polnischen Staat und den polnischen Bürgern gehörenden Besitzes" beteiligt gewesen zu sein; später hieß es, dies habe auch "jüdisches Eigentum" betroffen. "Dieser Ereignisstrang (...) ist erforscht, wenn auch nicht in allen Aspekten rekonstruierbar, und bildet eine eigene Geschichte", schreibt Schöllgen.11 Diese Geschichte aber erzählt er nicht.


    Anmerkungen:
    1 s. dazu Vom Ursprung deutschen Reichtums [auf www.secarts.org: hier lesen.]
    2 Kriegsprofiteur. Schaeffler legt Nazi-Vergangenheit offen; Welt online 25.02.2009
    3 Gregor Schöllgen: Schaefflers dunkler Schatten; Cicero, März 2009
    4 Kriegsprofiteur. Schaeffler legt Nazi-Vergangenheit offen; Welt online 25.02.2009
    5, 6, 7 Gregor Schöllgen: Schaefflers dunkler Schatten; Cicero, März 2009
    8 s. dazu Vom Ursprung deutschen Reichtums [auf www.secarts.org: hier lesen.]
    9 Gregor Schöllgen: Schaefflers dunkler Schatten; Cicero, März 2009
    10 s. dazu Indizien
    11 Gregor Schöllgen: Schaefflers dunkler Schatten; Cicero, März 2009

     
     
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