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Mittlerweile gehört die Volksrepublik China zu den großen Raumfahrtnationen, auch wenn hierzulande in bürgerlichen Medien nicht selten von "Propagandatricks" geredet wird oder wie in der FAZ vom 29.9. überheblich davon, China müsse in der Raumfahrt nach wie vor mit Schwellenländern wie dem Nachbarn Indien konkurrieren, hätte de facto ein Niveau erreicht wie die USA und die UdSSR bereits in den 60er Jahren. Zudem gehe es beim chinesischen Raumfahrtprogramm "nicht nur um Wissenschaft, Technik und wirtschaftliche Entwicklung, sondern auch um nationale Ehre und handfeste Sicherheitspolitik". Bei wem denn nicht?

Behauptet wird, China habe sein Raumfahrtprogramm erst im Jahr 1992 auf den Weg gebracht usw. usf. Und natürlich darf eine Behauptung dabei nicht fehlen: Die Pläne "Pekings" seien sowieso vor allem auch durch das Militär bestimmt und man beschwört mögliche "Gefahren" für US-amerikanische Flugzeugträger herauf.

Einige wenige Fakten zur Geschichte der chinesischen Raumfahrt: Bereits seit den 60er Jahren entwickelt China eigene Trägerraketen. Bald gab es auch Pläne für bemannte Missionen, die aber in den 80er Jahren zeitweilig "zu den Akten" gelegt wurden. Pläne für einen eigenen Raumgleiter wurden bislang nicht verwirklicht.

Bereits 1970 konnte ein erster chinesischer Experimentalsatellit mit Hilfe einer eigenen Trägerrakete vom Kosmodrom Jiuquan (innere Mongolei) in den Weltraum gestartet werden. 1975 gelang es erstmals, eine Nutzlast wieder auf die Erde zurückzuholen.

2003 startete der erste "Taikonaut". An Bord von "Shenzhou 5", die an diesem Tag startete, befand sich Yang Liwei, der einen 21-stündigen Flug absolvierte. Der zweite bemannte Raumflug mit zwei Taikonauten an Bord ("Shenzhou 6") erfolgte am 12. Oktober 2005. Am 25. September 2008 startete "Shenzhou 7" mit drei Taikonauten, Während der Mission gab es den ersten chinesischen Weltraumausstieg.

Das ambitionierte, langfristige Mondprogramm begann 2007 mit einem Orbiter und sieht um 2014 vor, auf dem Erdtrabanten ein Mondmobil abzusetzen, das unter anderem Gesteinsanalysen vornehmen soll. Geplant ist eine spätere bemannte Mondlandung (vgl. auch "Neuer Wettlauf zum Mond?", UZ vom 21. Dezember 2007).

Satellitenstarts sind inzwischen an der Tagesordnung. Von solchen Starts profitiert Europa - so wurde am 7. Oktober 2011 der europäische Kommunikationssatellit Eutelsat W3C ins All gebracht -, haben aber auch Länder Afrikas Nutzen. China plant zudem eine eigene Weltraumstation. Angesichts der gegenwärtigen Schwierigkeiten mit der Internationalen Raumstation ISS mag dies manchem als Provokation erscheinen. Ob die chinesische Station der ISS den Rang ablaufen kann, wird die Zukunft zeigen. Am 29. September um 15.16 Uhr MESZ startete jedenfalls von Jiuquan eine Rakete in den erdnahen Weltraum. Sie beförderte den "Rohentwurf" einer ersten chinesischen Raumstation bzw. ein erstes Modul einer solchen Station ins All. Transportiert wurde das unbemannte Orbitallabor "Tiangong 1" (8,4 Tonnen Startgewicht). "Tiangong 1" wird Ziel der gleichfalls noch unbemannten Mission "Shenzhou 8" sein, die am 1. November starten wird, weitere Starts sollen folgen.

Das Land will sich mit dem Start des ersten Orbitallabors "Tiangong 1" und folgender Orbitallabore "Technologien zum Betreiben einer großen Raumstation erarbeiten". Geplant sind weitere Starts, um die technologischen Fähigkeiten weiter zu entwickeln und konkrete Erfahrungen zu gewinnen. (www.china.raumfahrer.net, www.sinodefence.com/space/spacelab/shenzhou8.asp, german.cri.cn)

China ist gewiss kein Raumfahrtneuling mehr und bestimmt nicht technisch-technologisch "zurückgeblieben". Das Land hat in den letzten Jahrzehnten große wissenschaftliche und technische Fortschritte auch auf diesem Gebiet erreicht. Genutzt wurden in anderen Ländern - so der Sowjetunion bzw. Russland - entwickelten Basistechnologien. Wesentlich aber für die Fortschritte sind die eigenen Leistungen. Aufgrund eigener Innovationen und großer technisch-technologischer Fortschritte können nun eigene Lösungen anstrebt werden.

Gegenüber den Shenzhou-Raumschiffen weist das Orbitalabor "Tiangong 1" wichtige Neuerungen auf. Der Chefingenieur der Shenzhou-Raumschiffe, Qi Faren, betonte laut "China Radio International" vier wesentliche Punkte: "Erstens, die Speicherung. Man muss sich am Aufbau der Raumstation beteiligen, das heißt, man muss selbst die verschiedenen Teile montieren und die Geräte reparieren. Zweitens, das Andocken. Dies basiert auf zwei Flugkörpern. ´Tiangong 1´ ist der Zielflugkörper, an dem ´Shenzhou 8´ andockt. Drittens, Logistik. In der Raumstation leben Astronauten und sie werden mehrere Dinge verbrauchen. Die müssen von der Erde aus dorthin befördert werden. Viertens, eine erneuerbare Nutzung des Raumlabors." Konkreter wurde er leider nicht.

Das eigentliche Ziel der jetzigen Mission sind vorrangig offenbar Vorbereitungs- und Erprobungsarbeiten, die für die Errichtung eine eigenen modularen Raumstation notwendig sind. Deren Hauptbestandteile sollen ab 2016 mit Hilfe einer noch in Entwicklung befindlichen neuen Trägerrakete, die eine Nutzlast von etwa 25 Tonnen transportieren kann, ins All gebracht werden.

China, das auf Betreiben der USA sowohl von der Entwicklung wie der Teilhabe der Internationalen Raumstation (ISS) ausgeschlossen wurde, deren weiterer bemannter Betrieb derzeit nach wie vor umstritten ist, setzt selbstbewusst seine eigenen Schwerpunkte.


aus unsere zeit, Zeitung der DKP.