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Entstehung

Als 2006 das Stadtteilprojekt Rödelheim ins Leben gerufen wurde, war das Vorhaben beseelt von der Vorstellung, dass die direkte Ansprache der beste Weg ist, um herauszufinden, in welcher Lage sich die Lohnabhängigen subjektiv und objektiv befinden. So wurden einen Monat lang wöchentlich drei Stände an ausgewählten Punkten des Frankfurter Stadtteils Rödelheim organisiert, z. B. in den Siedlungen und in den etwas belebteren Einkaufsstraßen. Die Grundidee wurde vorgestellt: „Wir wollen einen Verein aufbauen, der gegenseitige und solidarische Hilfe im Stadtteil auf nachbarschaftlicher Basis anbietet und wir wollen uns zusammenschließen, damit wir vor den Behörden und in der Politik gestärkt auftreten können. Wir haben das Ziel, Vertrauen aufzubauen und die uns auferlegten Spaltungen abzubauen.“ So einfach war die Vorstellung. An den Ständen suchten wir das Gespräch. Es war unschwer zu erkennen, was die Menschen am stärksten und intensivsten beschäftigte: Es war und ist Hartz IV.

Stadtteilprojekt Rödelheim
Solidarität und Freundschaft


Das Stadtteilprojekt verfolgt das Ziel, alle Menschen zusammen zu bringen, die nicht über Macht oder Reichtum verfügen. Wir wollen das Leben im Hier und Jetzt konkret verbessern durch eine gemeinsame Infrastruktur wie z.B. eine Werkstatt, durch Bildung und durch gegenseitige Hilfe wie z.B. bei rechtlichen und bürokratischen Problemen. Andererseits möchten wir die Gesellschaft durch die hoffentlich steigende Zahl der Mitglieder und ihre Solidarität hin zu mehr Gleichheit und Menschlichkeit verändern.

Wir glauben, dass die meisten Menschen in dieser Gesellschaft mit den gleichen Problemen konfrontiert sind wie wir und grundlegend die gleichen Interessen haben. Dazu gehört der Wunsch nach ökonomischer und sozialer Sicherheit, sowie nach individueller und kollektiver Entfaltung. Wir wollen die Spaltungen, die uns künstlich auferlegt sind, überwinden und das Vertrauen und die Solidarität in der Bevölkerung stärken.

Wir sind uns einig, dass wir unabhängig sein müssen, um unsere Interessen verwirklichen zu können. Wir müssen uns von all denjenigen unabhängig machen, die nicht die gleichen Ziele verfolgen wie wir, sondern uns von unseren Zielen abbringen wollen. Der Verein will selbstverständlich in nahestehende Organisationen hineinwirken und sich jederzeit zu allen politischen und sonstigen Themen, die die Interessen der Mitglieder des Vereins betreffen, klar und unmissverständlich äußern.

Die Nutzung der Infrastruktur ist an eine Mitgliedschaft geknüpft. Davon ausgenommen sind natürlich die öffentlichen Veranstaltungen. Die Mitgliedschaft ist Ausdruck der Solidarität zwischen den Mitgliedern, die gemeinsam den Verein organisieren und tragen.

Zurzeit sieht die Infrastruktur so aus, dass wir Räume, Computer, Werkstatt und eine Küche bieten können. In diesen Räumen ist schon jetzt einiges möglich. Im Verein können Menschen ihre Fähigkeiten ausbauen, sich weiterbilden und kreativ entfalten.

Ein Beispiel: eine Frau kommt zu uns, weil sie Probleme mit Hartz IV hat. Wir begleiten sie zum Amt und können mit ihr gemeinsam das Problem lösen. Sie erfährt dadurch mehr über ihre Rechte und kommt zu unserer Arbeitsgruppe „Arbeitslosigkeit und Niedriglohn“. Dort lernt sie, mit dem Leitfaden zu arbeiten. Ab jetzt kann sie anderen Menschen helfen, die Hilfe brauchen.

Ein weiterer wichtiger Grund, Mitglied bei Zusammen e.V. zu sein ist die Solidarität und das freundschaftliche und gemeinschaftliche Miteinander - vom Schach spielen bis zur Party.

Selbstdarstellung auf
www.zusammen-ev.de
Bei unseren regelmäßigen Treffen, zu denen wir einluden, kamen recht schnell 20 bis 30 Leute. Wir hatten schon in wenigen Monaten einen aktiven, lebendigen Verein, der sich vor allem darum bemühte, eine HartzIV-Beratung auf die Beine zu stellen und andere selbst organisierte Angebote, insbesondere für Kinder und Jugendliche, zu machen. Wir mischten bei den aktuellen Stadtteil-Debatten mit, ob es um Rassismus ging, um Stadtteilgeschichte oder um die verlängerten Öffnungszeiten. Wir stellten ein antirassistisches Fußballturnier auf die Beine, richteten Feste für Kinder aus und veranstalteten Diskussionsabende und Partys. Nach einer kurzen Zeit schon war es möglich, den ersten Stadtteiltreff zu eröffnen. Es ergab sich hieraus, dass wir Mitgliedsbeiträge erheben mussten,um die laufenden Kosten zu decken. Das war was sie geben konnten. Diese Räume wurden uns aber schnell zu klein, also zogen wir um und vergrößerten unseren Laden und auch unser Angebot. Unsere Mitgliederzahl stieg. Seitdem haben wir mehr Mitglieder dazu gewonnen, obwohl uns auch viele verlassen haben.

Charakter

Eine Beschreibung unserer Aktivitäten und eine Aufzählung unserer Angebote würde aber nicht viel über den besonderen Charakter des Vereins aussagen. Dieser besteht darin, dass es möglich war und immer noch ist, unmittelbar die Erfahrung von Zusammenhalt, Vertrauen und Erfolg herzustellen. Der Raum wurde geöffnet für die Erfahrung, dass es entgegen der allgemeinen Vorstellung doch möglich ist, etwas zu erreichen, wenn Menschen gemeinsam anpacken. Unvorstellbar war (und ist es leider immer noch) für viele, dass es mit so unterschiedlichen Leuten möglich sein kann, kollektive Entscheidungen zu treffen. Unser wöchentliches Plenum liefert dafür gute Erfahrungswerte. Dass es häufig zu schweren Auseinandersetzungen und teilweise auch zu ewigen Diskussionen führen kann, ist nicht von der Hand zu weisen. Das hatte zur Folge, dass wir uns immer wieder selbst neue Formen des Umgangs und neue Regeln ausdenken mussten. Wir mussten uns darüber verständigen, wie wir eigentlich miteinander reden wollen, wie wir Entscheidungen treffen wollen und wie wir unseren Verein und unsere Aktivitäten gestalten wollen. Das ist die andere Seite dieses teils anstrengenden und auch langwierigen Prozesses: Es ist eben ein Lernprozess. Es geht darum, nach den gemeinsamen Interessen zu suchen und vernünftige Lösungen zu finden.

Kontext

Das Stadtteilprojekt ist ein an der Basis orientiertes Projekt. Wir versuchen, uns in einer Zeit, in der die massivsten Angriffe seitens Staat und Kapital auf die Lohnabhängigen stattfinden, zu organisieren. Das führt dazu, dass ein immer größerer Teil der Arbeiterklasse in unsichere Arbeitsverhältnisse und Hartz IV abgeschoben wird. Diese Menschen stehen ohne politische Organisierung da. Die Gewerkschaften sind hier größtenteils in der Rolle der Co-Manager. Sie vertreten die Interessen ihrer Mitglieder halbherzig. Für uns heißt das auch in diesem Zusammenhang: eine klassenkämpferische Position in den Gewerkschaften mit der Basis entwickeln. Hartz IV ist aus unserer Sicht kein Erwerbslosen-Thema, es geht hier um die Lohnabhängigen überhaupt. Das Projekt ist gleichzeitig aber auch ein bescheidener Versuch in einer Zeit voller Misstrauen: gegenüber politischen Organisationen wie Parteien und Gewerkschaften wie auch zwischen den Menschen. Diese Misstrauensstimmung ist nicht zuletzt ein Resultat der massiven Propaganda gegen die besiegten sozialistischen Länder und gegen alles, was von links kommt. Das sind besonders schwierige Bedingungen für die Organisierung der Arbeiterklasse.

Da es aber keine andere Möglichkeit gibt, als die Organisation der Lohnabhängigen voranzutreiben, haben wir angefangen, uns hierin zu üben. Nichts anderes ist dieses Projekt. Es bietet täglich die Möglichkeit, etwas dazuzulernen: über die Bewusstseinslage bestimmter Schichten innerhalb der Arbeiterklasse, über die Sprache, d. h. über die Vermittlung unserer Ziele und Inhalte, über zeitgemäße und notwendige Formen von Massenorganisation — es ist zur Zeit eine Schule der Praxis und ein Ort für parteiische Klassenanalyse.

Aufgabe

• Theorie & Praxis #20
Theorie & Praxis #20 (© by T&P)
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Die sich uns stellende Aufgabe ist es, die gesammelten Erfahrungen zusammenzufassen und nachvollziehbar zu machen. Nur dann werden sie wirklich fassbar und anwendbar. Wenn sich dann herausstellen sollte, dass diese Erfahrungen in der Konseqeunz verallgemeinerbar sind, dann können wir den Projektstatus aufgeben. Dann sind wir hoffentlich ein Verein unter vielen Vereinen in der dann wieder zum Leben erwachenden Arbeiterbewegung, in deren Tradition wir uns ganz bewusst stellen.

Das Außergewöhnliche an unserem Projek tist nicht, dass wir eine mehr oder weniger erfolgreiche und parteiische Hartz-IV-Beratung anbieten, sondern dass wir die Menschen, die zu uns in die Beratung kommen, in den Verein einbinden, mit ihnen kontinuierlich über die gesellschaftlichen Hintergründe sprechen und im besten Falle sie in den Protest gegen die herrschenden Verhältnisse einbeziehen. Es gibt aber auch nicht nur den Weg über Hartz IV zu uns. Manche kommen wegen ihrer sozialen Isolation, andere wegen ihrer Wut bezüglich rassistischer Vorfälle im Stadtteil, wieder andere, weil sie es bei uns als warm und herzlich empfinden.

Halten wir es mit dem Genossen Lenin: „Alle der III. Internationale angeschlossenen Parteien müssen um jeden Preis die Losungen: ,Hinein in die Massen!‘, ,Engere Fühlung mit den Massen!‘ in die Tat umsetzen, wobei unter Massen die Gesamtheit der Werktätigen und vom Kapital Ausgebeuteten zu verstehen ist, besonders diejenigen, die am wenigsten organisiert und aufgeklärt, am stärksten unterdrückt und organisatorisch am schwersten zu erfassen sind.“ (Lenin, „Thesen über die Hauptaufgaben des II. Kongresses der Kommunistischen Internationale“, 1920)

Unsere Aufgabe ist es, Wege zu erproben, um die Massen anzusprechen, sie aufzuklären und zu organisieren. Eine ernstzunehmende Reflexion darüber kann sich nur aus einer lebendigen Praxis ergeben, die wiederum nur mit den Massen gemeinsam verwirklicht werden kann. In der Sprache unserer täglichen Arbeit heißt das: Ein hundertster Stand ist besser als die Diskussion darüber, ob wir einen Stand machen oder nicht.

Geschichte wird gemacht

Wir verstärken unsere Aufklärungsarbeit: Aktuell geht es darum, mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln den Zusammenhang zwischen Hartz IV und Niedriglohn und die Auswirkungen von Hartz IV auf die vermeintlich sicheren Arbeitsverhältnisse aufzudecken. Wir bereiten uns mit Bildungsarbeit im Verein auf eine Offensive nach außen vor. Wir besuchen regelmäßig das für unseren Stadtteil zuständige Jobcenter und suchen das Gespräch mit den Erwerbslosen; wenn nötig, beraten und begleiten wir sie. Das Thema ist aktuell hochgekocht, nicht nur durch die Forderungen nach einer Arbeitspflicht für Erwerbslose. Auch das erwartete Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu den Regelsätzen steht ins Haus. Dazu haben wir im Stadtteil einiges gemacht. Da wir zurzeit leider nicht genug Mittel für eine eigene Stadtteilzeitung aufbringen können, gibt es die Idee, mit einer Wandzeitung im Stadtteil unsere Themen unter die Massen zu bringen. Lernend schreiten wir voran.

Heute hat ein Mitglied die Frage gestellt, ob alle Menschen im Sozialismus das Gleiche verdienen und wie das dann mit der Arbeitsmoral sein wird. Daraufhin haben sich spontan mehrere Menschen mit dieser Frage auseinandergesetzt. Was würdet ihr denn antworten?

Dieser Artikel gibt die Perspektive der Gründer des Stadtteilprojektes Frankfurt/Rödelheim wieder. Sie fühlen sich in Theorie und Praxis den wissenschaftlichen Grundlagen des Marxismus-Leninismus verpflichtet.